Achtsamkeit?

Achtsamkeit?

Wir sind auf der Suche – ihr, ich, einfach alle. Denn das Bedürfnis nach Orientierung scheint immer größer zu werden. Nicht umsonst boomen Achtsamkeit, Lebenshilfebücher, Zen-Seminare, Yogakurse, Mentaltechniken und Esoterik-Schnickschnack. Alles läuft zunehmend schneller und kurzlebiger in unserer Welt, da sehnen wir uns plötzlich nach Sicherheiten. Wir möchten das Optimum aus unserem Leben herausholen, nichts verpassen und nichts bereuen. Das ist absolut legitim. Und deswegen brauchen wir Antworten. Denn die Angst, auf dem falschen Weg zu sein und, ups, schon ist es zu spät, diese Angst macht uns ruhelos.

Achtsamkeit - Sind wir auf dem falschen Weg?

 

Sind wir auf dem richtigen Kurs?

Die gute Nachricht: Ja, in der Achtsamkeit gibt es Antworten auf all unsere Fragen. Die etwas holprigere Nachricht: Diese Antworten liegen in uns selbst. Und genau da liegt die Crux.

So vielseitig und individuell wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Antworten. Was mich erfüllt, würde euch eventuell nur ein ratloses Kopfschütteln entlocken. Es geht also nicht anders: Ihr müsst nach euren Antworten in euch selbst suchen. Und das klappt nicht mit dem Erstellen von Stärken- und Schwächen-Listen. Unser schlauer Verstand muss hier schweigen, sonst hören wir die Stimme unseres Herzens nicht. Indem wir auf das Außen lediglich mit wacher Achtsamkeit und ohne Wertung und Urteil reagieren, öffnen wir unser inneres Gehör. Wir bahnen uns so quasi den Weg zu einem Dialog mit unserem Herzen. Und wenn wir diesen Weg gehen möchten, müssen wir spüren und erkennen – das ist bereits alles.

Achtsamkeit - wir müssen spüren und erkennen – das ist bereits alles

Achtsamkeit ist der Weg, der uns zu uns selbst führt.

Der achtsame Weg beschert uns also mit tiefer Einsicht in unser wahres Sein.

Solltet ihr ähnlich gestrickt sein wie ich, meint ihr bestimmt auch, so einigermaßen zu wissen, was euer wahres Ich sei. Ihr kennt eure Muster und Ängste. Und trotzdem, irgendwie können wir uns nicht davon lösen. Achtsamkeit lässt uns diese Mauern, die uns innerlich gefangen halten, im rechten Moment erkennen, sodass wir uns davon lossagen und unsere Wahrnehmung für das, was wirklich ist, öffnen können. Mit Achtsamkeit kriegen wir sozusagen den nötigen Abstand, um uns nicht immer wieder in den gleichen Fallstricken zu verheddern. Je geübter wir schließlich erkennen, was uns emotional umschließt, desto weniger brauchen wir diese Muster und desto freier und selbstbestimmter können wir leben. Und erst dann gelangen wir auch zu dem wahren Ich, das die ganze Zeit im Schlummerschlaf unter diesen Verknotungen ruht.

Achtsamkeit mag gerade Trend sein, doch ist dieses Thema im Grunde uralt. Die Ursprünge reichen weit zurück, gut 2500 Jahre, verwurzelt in der Lehre Buddhas. Tatsächlich ist Achtsamkeit eine wichtige Grundlage buddhistischer Praxis. Achtsamkeit deckt Ursachen auf, zum Beispiel für unsere Gefühle und Handlungen und zeigt uns die wahre Natur der Dinge. Es geht darum, klar zu „sehen“, was wirklich ist. Alles Unwesentliche, was sich nur in unseren Gedanken abspielt, verliert dann an Gewicht. Jedoch wisst ihr selber, es ist nicht so einfach, nur einen einzigen Moment präsent zu sein, mit allen Sinnen in dem Moment, hundert Prozent gegenwärtig. Das erfordert eine enorme Hingabe an das momentane Sein. Der Geist ist unermüdlich und liefert uns ständig Bilder. Jeder hat schon mal probiert an nichts zu denken – nicht leicht. Beobachtet beispielsweise euren Geist bei der nächsten Verabredung mit einer Freundin. Ihr sitzt nett zusammen in einem Restaurant und noch während ihr der Unterhaltung lauscht, füttert euer Geist euch mit anderen Gedanken, zum Beispiel: „Schicke Frisur hat sie, ich lass mir die Haare auch kürzer schneiden, sie sieht immer so jung aus, ich dagegen kriege immer mehr Falten, herrje, wann kommt sie endlich zum Punkt, oh Gott, morgen früh muss ich schon um acht Uhr im Büro sein, zu spät darf es heute nicht werden, hätte der neue Azubi etwas mehr Pfiff wären wir lange durch mit dem Projekt, komischer Typ ist das ….“

Euer Geist fischt Gedanken hervor, und diese Gedanken lösen bei euch entsprechende Gefühle aus. Innerhalb kürzester Zeit könnt ihr dabei eine komplette Gefühlsskala durchleben von Neid, Unzufriedenheit, Genervtheit, Stress, Ärger und vielem mehr. Statt den Moment des Zusammenseins mit der Freundin zu genießen, schleichen sich über die Gedanken Gefühle ein, die mit der Situation rein gar nichts zu tun haben. Diese Gefühle jedoch bestimmen eure Haltung und letztendlich eure Handlungen. Zurück zum Beispiel: Vielleicht rutscht ihr jetzt unruhig auf eurem Stuhl hin und her, schaut nebenbei aufs Handy und zerpflückt den Bierdeckel. Statt lebhaft am Gespräch teilzunehmen werdet ihr einsilbig und am Ende des Abends bleibt wohlmöglich das traurige Gefühl, nicht wirkliche Nähe geteilt zu haben.

Diese AbfolgeGedanken – Gefühle – Haltung /Handlungläuft quasi automatisch ab. Werden wir uns dessen nicht achtsam gewahr, sind wir diesem Automatismus ausgeliefert. In der Summe fühlen wir uns dadurch zunehmend dem Leben ausgeliefert.

Der vietnamesische, buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh schreibt in seinem Buch „Nimm das Leben ganz in deine Arme“:

„Im Buddhismus wird der Geist (manas) oft mit einem Affen verglichen, der sich von Ast zu Ast schwingt und uns damit immer wieder in die dunkle Welt von Schmerz und Leiden führt.“

Mönch Thich Nhat Hanh

Achtsamkeit – Vorsicht: Die Abfolge – Gedanken – Gefühle – Haltung /Handlung – läuft quasi automatisch ab

Durch Achtsamkeit könnt ihr also die Sprünge eures Geistes rechtzeitig erkennen und ihn daran hindern, sich an Orte zu begeben, die euch nicht gut tun. Und ihr erkennt all die Prägungen, Gedankenmuster und Wahrnehmungsgewohnheiten, die euer Leben bestimmen. Da wir von klein auf durch andere Personen – erst Eltern und Verwandte, dann Freunde, Lehrkräfte usw. – konditioniert und gedanklich geprägt werden, steckt vieles in uns, was wir von anderen übernommen haben. Natürlich werden wir auch gesellschaftlich geformt und nicht zu vergessen, das Bild, dem wir selber gerne entsprechen möchten, von dem wir meinen, dass es unser Wesen darstelle. Denn jeder, ich ganz vorne an, hat ein Bild von sich, das er gerne in die Welt projizieren möchte. Laut Thich Nhat Hanh sind unser Kummer und unsere Freude in der Natur, in der Gesellschaft und in den Menschen, mit denen wir leben, verwurzelt.

Unser „Selbst“ besteht nur aus „Nicht-Selbst-Elementen.“

Durch die Praxis der Achtsamkeit entlarven wir sozusagen unsere unbewussten Motivationen und haben durch deren Aufdeckung die Chance, uns von ihnen zu lösen. Wir tragen Persönlichkeitsschichten ab, und entdecken mehr und mehr, was unser Herz uns sagt und die Person, die wir wirklich sind. Stellt euch eine dieser ineinander geschachtelten Matroschka-Puppen vor, bei denen man immer ein Gehäuse nach dem anderen entfernt, bis man auf eine entzückende, kleine Holzpuppe im Inneren stößt. So ähnlich können wir mit Achtsamkeit alle unsere Hüllen ablegen. Denn wir mögen uns noch so authentisch nach außen zeigen, erst in den Momenten der Achtsamkeit erfahren wir, ob unsere sogenannte Authentizität auch tatsächlich die Sprache unseres Herzens spricht.

Doch zurück zu den Ursprüngen: Während Buddha in tage- und nächtelanger meditativer Stille versank, durchlebte er innerlich geradezu eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Während dieser Zeit der wachen Präsenz und inneren Einkehr begegnete er dem gesamten Spektrum menschlicher Regungen: Glück, Freude, Zufriedenheit, aber auch Wut, Unruhe, Angst, Verlangen, Resignation und Abwehr. Und er erkannte, dass sämtliche Gedanken in seinem Kopf, die diese quälenden Emotionen hervorriefen, eben nichts weiter als Gebilde seines Geistes waren. Mit der Realität hatten sie nichts zu tun, alles spielte sich in seinem Kopf ab. Sobald er diese Gedanken- und Gefühlswogen bewusst als das annahm, was sie waren, nämlich Konstrukte seiner Fantasie, lösten sie sich mehr und mehr auf.

Basierend auf diesen Erfahrungen während seiner ununterbrochenen Meditation stellte er die „vier Wahrheiten“ auf:

Die Grundlage des Buddhismus

  1. Es gibt Leiden
  2. Es gibt einen Ursprung des Leidens
  3. Es gibt eine Auflösung des Leidens
  4. Es gibt einen Weg, der aus dem Leiden herausführt.

(Der genaue Wortlaut variiert je nach Überlieferung.)

Auch wenn der Begriff „Leiden“ heute etwas überholt und dramatisch klingen mag, so bestimmen diese Wahrheiten noch immer sämtliche unserer Handlungen und Erlebnisse. Ein simples Beispiel: Ihr streitet mit eurem Partner. Nichts Weltbewegendes, eine schlichte Rangelei, wer ist im Recht, wer im Unrecht, alltägliche Szenerie – dennoch lässt sich dieser Streit als „Leid“ bezeichnen. Natürlich gibt es eine Ursache für die Auseinandersetzung. Und ebenso lässt sich die Situation schlichten, indem ihr einen Weg findet. So banal dieses Beispiel auch scheinen mag, bei genauerer Betrachtung wird es interessant: Welche Empfindlichkeiten beziehungsweise Gedankenmuster oder auch Verletzungen aus der Kindheit wurden bei diesem Streit bei euch angetriggert? Welche tief sitzenden Ängste lauerten auf Seiten des Partners hinter dem offensichtlichen Grund des Kräftemessens?

Welche tief sitzenden Ängste lauern, wenn wir nicht Achtsam sind?

Wenn wir uns nun täglich mit sogenanntem Leid herumschlagen müssen, seien es Gefühle von Stress, Fremdbestimmung, Überforderung, Leere oder Unmut, wo liegt denn da die Ursache? Dass wir irgendwie auch selber dran schuld sind, ist schon klar. Aber warum? Im Buddhismus ist es vor allem unser Streben nach Sicherheit und Anhaftung. Zwar behaupte ich gerne, nicht weiter sicherheitsliebend zu sein, geschweige denn anhaftend, schließlich empfinde ich mich als flexibel und kann auch wunderbar ohne all den Luxus, so muss ich zugeben, bei eingehender Betrachtung sieht es doch anders aus: Es beginnt bereits bei der richtigen Kleidung, einem Handy, Internetzugriff oder dem bereits gebuchten Urlaub für die nächsten Ferien. Und ich stehe nicht alleine da, denn die meisten Menschen wünschen sich ebenso Sicherheit in Beziehungen, im Job und in einem schönen Zuhause. Gerade an Beziehungen gehen wir fast automatisch mit einem Sicherheitsanspruch heran. Dabei bedeutet Leben Wandel, nichts ist statisch und ebenso entwickeln und verändern sich Menschen. Trotzdem schlage ich nicht gerade Purzelbäume, wenn mein Partner plötzlich eigene Wege gehen will. Das passt nicht in mein Konzept, denn geplant war „bis der Tod uns scheidet“.

So wie eine Pflanze wächst, sobald wir sie in ein größeres Gefäß umtopfen, so müssen wir auch unserem Partner den Raum zugestehen, den er für seine Entfaltung braucht. Es sind unsere Ängste, die in unserem Unterbewusstsein lauern und Neid und Eifersucht in uns entfachen. Wir wollen etwas festhalten, doch nichts gehört uns im Leben außer dem Erleben des jeweiligen Augenblicks. Und statt uns an dem zu erfreuen, was gerade ist, schmieden wir in unseren Gedanken Pläne und bauen Konstrukte, wie unsere Liebe gelebt werden sollte. Leicht laufen wir Gefahr, unser Leben nach unseren Vorstellungen und Wünschen manipulieren zu wollen, immer in der Überzeugung, genau zu wissen, was gut und richtig sei. Nur wie können wir wissen, was gut für uns ist, wenn wir nicht achtsam auf die Stimmen unseres Geistes, die Färbungen unserer Emotionen und die Signale unseres Körpers schauen.

Jon Kabat-Zinn, Begründer der wissenschaftlich fundierten Methode der Achtsamkeitspraxis MBSR („Mindfulness-Based-Stress Reduction“), schreibt in seinem Buch „Gesund durch Meditation“, dass jede Situation, jeder Vorgang im Leben stets auf unterschiedliche Weise betrachtet werden kann:

„Einmal ist ein Hund einfach ein Hund, an dem nichts Ungewöhnliches ist, dann wieder ist er etwas Besonderes, ja sogar Wunderbares. Es hängt ganz von der Betrachtungsweise ab. Man könnte sagen, dass ein Hund gewöhnlich und ungewöhnlich zugleich ist. Was sich wandelt, ist unser Geist …Wenn der Geist sich wandelt tauchen vor uns neue Möglichkeiten auf. Die Dinge rücken in eine weitere Perspektive, und auch der Hund wird nicht mehr das sein, was er vorher für uns war.“

Jon Kabat-Zinn

In dem Moment, wo wir präsent sind, sehen wir klar. Wir sehen das, was in dem Moment wirklich ist. Wir erkennen, welche Gefühlswogen uns in diesem Moment tragen. Und dadurch, dass wir erkennen, bietet sich uns die Möglichkeit, Abstand zu gewinnen.

Für Jon Kabat-Zinn ist dieser Moment des Erkennens auch bereits der Moment der Loslösung:

„Sobald man aber bewusst wahrnimmt, was in einer stresserzeugenden Situation tatsächlich geschieht, hat man diese Situation auch schon grundlegend verändert und sich einen kreativen Freiraum erschlossen.“

Jon Kabat-Zinn

In diesem „kreativen Freiraum“ stellt sich uns die Möglichkeit, unsere Sicht komplett anders auszurichten. Und diesen „kreativen Freiraum“ könnt ihr euch täglich zu Nutze machen. In dem Moment, wo ihr erkennt, dass ihr zum Beispiel deswegen so gereizt auf eine Bitte einer Kollegin reagiert, weil euere pubertierende Tochter beim Frühstück rumgezickt hat, verblasst diese Gereiztheit bereits. Plötzlich hat nicht mehr die Situation euch im Griff, sondern ihr könnt entscheiden. Ihr seht klar, was die Ursache ist.

Für Jon Kabat-Zinn ist dieser innere „Haltungswechsel“ der Moment, der uns den Raum gibt, „bis zu einem gewissen Grad zu beeinflussen, was als Nächstes geschieht.“ Dieser Eingriff in den Verlauf der Situation passiert nicht willentlich. Alleine durch eure präsente Wahrnehmung des Geschehens verändert sich bereits das Gefüge der Situation. Ihr müsst also insofern nichts machen, außer achtsam wahrnehmen. In nur wenigen Zehntelsekunden verschiebt sich die Situation, wird sozusagen in einem anderen Licht ausgeleuchtet, ehe ihr schließlich bewusst eine andere Haltung einnehmt. Zugegeben, anfangs dauert es vielleicht mehrere Sekunden, manchmal erkennt man auch erst im Nachhinein und die Möglichkeit einer anderen Haltung ist vertan. Aber trotzdem ist es bereits ein kleiner Erfolg, denn das Erkennen ist bereits der erste Schritt zu mehr Achtsamkeit.

Achtsamkeit - der innere „Haltungswechsel“ gibt uns den Raum

Natürlich löst Achtsamkeit nicht sämtliches Leid wie von Wunderhand auf. Das wäre auch zu schön. Nein, mit Wunderhänden hat das nichts zu tun. Jedoch wir sehen klarer. Und durch diese Sichtweise können wir uns von Emotionen lossagen. Solltet ihr erwarten, dass ihr mit Achtsamkeit unliebsame Emotionen wie Ärger, Wut oder Neid einfach abschütteln oder gar unterdrücken könnt, ist das leider ein Irrglaube. Nein, im Gegenteil: Ihr gesteht euch ein und auch zu, dass ihr verärgert seid, traurig, verletzt oder enttäuscht. Es ist sogar sehr wichtig, dass ihr dieses bewusst spürt und ebenso entsprechend bewusst „schaut“, wie sich diese Emotionen körperlich anfühlen. Allerdings verliert die Emotion durch das wertfreie Erkennen und Verstehen in Bezug auf den Zusammenhang mit euren Gedanken an Macht und damit an Bedeutung. Dieser Prozess der achtsamen Bewusstwerdung lässt euch zentrierter und besonnener werden. Ihr lasst euch weniger leicht stressen, weder von anderen noch von euren eigenen inneren Antreibern. Und da eine erhöhte Ausschüttung von Stresshormonen die Wahrnehmung verändert, sprich Situationen bedrohlicher erscheinen als sie sind, lässt sich mithilfe von Achtsamkeit entspannter und klarer urteilen.

Eure Wahrnehmung verändert sich im Laufe der Achtsamkeitspraxis. Sie erweitert sich, wird allumfassender und gleichzeitig tiefer und wissender.

Selbstverständlich geschieht dies nicht von heute auf morgen. Gerade für ungeduldige Naturen liegt hier eine besondere Herausforderung. Wie sich Tropfen für Tropfen mit der Zeit ein Rinnsal formt, bedarf es auch einer regelmäßigen Disziplin in Bezug auf Meditation oder andere Achtsamkeitsübungen, um eine grundlegende Veränderung in Bezug auf unsere „automatisch“ ablaufenden Muster zu erzielen. Etwas Nachsicht und „am Ball bleiben“ sind hier sicherlich gefragt. Diese Muster haben sich über Jahrzehnte in uns eingenistet, die lassen sich da nicht so schnell wieder vertreiben. Trotzdem erfahren wir relativ schnell und stetig kleinere Veränderungen, die uns immer wieder darin bestärken, dem Pfad der Achtsamkeit zu folgen.

Dem Pfad der Achtsamkeit folgen

Mehr Zufriedenheit und Freude im Leben ist ja bereits eine Menge. Mit Achtsamkeit nehmen wir das Leben jedoch auch mit wesentlich mehr Wertschätzung wahr. Denn selbstverständlich erhalten die Momente durch Präsenz eine neue Gewichtung. Es verändert sich etwas in der Wertschätzung unseres täglichen Ablaufs – seien es nun gute oder schlechte Tage. Und je mehr wir das Leben so wertschätzen, wie es gerade ist, desto mehr schätzen wir auch uns selbst wert. Beides geht quasi Hand in Hand. Dieses ewige Streben, von anderen die Wertschätzung zu erhalten, nach der wir uns sehnen, ist viel zu oft der Grund, weswegen wir uns nicht gut fühlen. Eine nagende, leicht depressive Stimmung. Je mehr wir diesen Wert aber in uns selbst unabhängig des Feedbacks anderer spüren, desto freier und losgelöster können wir leben. Und nicht nur uns selbst betrachten wir plötzlich mit einem liebevolleren und nachsichtigeren Blick, auch die Menschen um uns herum. Beobachtet einmal bewusst, wie sich die Gespräche mit anderen Menschen ändern, sobald ihr Achtsamkeit praktiziert. Ihr reflektiert mehr und bekommt ein Gespür für euer Gegenüber, in welchen Mustern es verstrickt ist. Entsprechend nachsichtiger und besonnener könnt ihr agieren.

Meist bekommen wir im Laufe der Achtsamkeitspraxis nicht nur einen klareren Blick für unsere Stolpersteine sondern auch für die Fehler unserer Lieben. Ganz recht, selbstverständlich kennen wir die Fehler unserer Lieben nur zu gut – in- und auswendig, ärgern wir uns doch täglich darüber. Aber darum geht es nicht. Wenn wir einen Apfelbaum haben, ernten wir Äpfel und keine Birnen. Ich erwische mich oft dabei, trotzdem eine Birne ernten zu wollen. Aber Äpfel haben einen besonderen Geschmack, den mir eine Birne niemals bieten könnte. Genau so ist das nämlich gemeint. Unser Verständnis wächst. Wir erkennen wesentlich bewusster die Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Und diese Andersartigkeit macht uns keine Angst mehr, Respekt und Toleranz wachsen, wo sonst falsche Erwartungen nur für Leid gesorgt haben.

Indem wir freier von Anhaftung werden, können wir uns besser von Werturteilen lösen, um aus reiner Liebe heraus, frei von Erwartung das zu tun, wonach unser Herz sich sehnt.

Vor allem bekommen wir mit längerer Achtsamkeitspraxis eine ganzheitliche Sicht der Dinge. Normalerweise werden unsere Entscheidungen und unser Handlungsspielraum eng durch unsere persönlich gefärbte Sicht der Dinge begrenzt. In der Achtsamkeit sprengen wir diese Fesseln und vertrauen auf das Gesetz der Vergänglichkeit und des natürlichen Wandels.

Wie eine Blume nicht nur die Sonne zum Wachsen braucht, sondern auch Schatten und Feuchtigkeit, gehören auch zu unserem Leben Zeiten dazu, in denen wir im Regen stehen.

Durch achtsame Gewahrwerdung lernen wir, auch das Unangenehme im Leben, zum Beispiel Verluste, Kummer oder Schmerz, anzunehmen. All diese Anstrengungen, stets auf der Suche nach dem Glück, und die krampfhaften Versuche, das Schöne dauerhaft festzuhalten, entfallen. Je achtsamer wir die Gegenwart wahrnehmen, jeden Tag und jede Stunde, desto vertrauensvoller überlassen wir uns dem Fluss des Lebens. Schwierige Situationen verlieren ihre Bedrohlichkeit, denn wir erkennen sie als das, was sie sind: Leid, das gelöst werden kann. Sobald wir diese Erfahrung machen, sind wir auch bereit, Leid anzunehmen. Wir fühlen sowohl mit uns selbst, als auch mit anderen mit, aber wir gehen nicht daran zu Grunde. Diese Gewissheit stärkt uns und beschenkt uns mit einem großen Vertrauen.

Achtsamkeit zeigt uns, dass wir wie alle anderen Lebewesen ein kleiner Teil in dem gigantischen Puzzle des Seins sind

Vielleicht kennt ihr solche Momente, in denen ihr euch selbst mit all euren persönlichen Sorgen geradezu nichtig vorgekommen seid angesichts der überwältigenden Natur. Manche Menschen erleben derartige Momente, wenn sie am Gipfel eines Berges stehen und den Blick zum Himmel über die Hügel bis hinab ins Tal richten. Plötzlich ahnt man das Große Ganze und das eigene Dasein relativiert sich. Der eigene Mikrokosmos erscheint so winzig, eingebettet in etwas viel Größerem. Man spürt die Unermesslichkeit des Universums, fühlt die eigene Endlichkeit angesichts dieser zeitlichen Grenzenlosigkeit. Man erkennt, dass man wie alle anderen Lebewesen ein kleiner Teil in diesem gigantischen Puzzle des Seins ist.

“Und dennoch ist unser Verweilen auf dieser Welt Sache eines Augenblicks, ein kleiner Wirbel in einer großen Strömung, flüchtiges Wellenspiel auf der Oberfläche eines Ozeans von Ganzheit. Jede Welle, jeder Wirbel hat eine eigene Ausprägung, ist aber gebildet aus dem Stoff eines größeren Ganzen, das sich auf eine Weise ausdrückt, die unser Fassungsvermögen letztendlich übersteigt.“

Jon Kabat-Zinn

Jon Kabat-Zinn beschreibt geradezu poetisch, wie wir Teil dieses Großen Ganzen sind. Dieses Wissen schlummert in uns und je achtsamer wir dieses Wissen zu schätzen lernen, desto vertrauensvoller können wir dem Leben begegnen. Gottvertrauen, Urvertrauen, Buddha-Natur – ich weiß nicht, wie ihr es nennt, es gibt so viele Bezeichnungen für das, was tief in unserem Herzen ruht. Achtsamkeit hilft uns dabei, hierhin zurück zu kehren.

Achtsamkeit ist ein stiller und nach außen unspektakulärer Weg. Trotzdem ist er unglaublich spannend, da er uns täglich Neues entdecken lässt. Ihr braucht dabei nicht suchen, die Antworten kommen von alleine. Und meist in den Momenten, in denen ihr sie gar nicht mehr erwartet. Und dieses ganze Gegrübel über den richtigen Kurs löst sich in Nichts auf. Ihr geht einfach los, achtsam, jeden Tag, ein Schritt nach dem anderen.

Weitere Informationen zur Achtsamkeit

Woche für Woche findet ihr in unserem Blog neue Artikel, die euch helfen sollen, Achtsamkeit im Alltag zu leben. Diese Artikel sind in Themengebiete eingeteilt und zu einigen Themen haben wir hier noch viele Grundlegende Informationen zusammengetragen: