Unser Atem ist unser Verbündeter

Hatte ich erwähnt, dass mein Mann beruflich etwas mit Film zu tun hat? Falls ja, könnt ihr euch vorstellen, was bei uns im Anmarsch ist: „Das Erwachen der Macht“. Die 7. Episode der Space Opera Star Wars kommt ab Mittwoch in die Kinos und hat nicht nur meinen Sohn sondern auch meinen Mann schon jetzt weggespaced. Beide schweben im galaktischen Sternenkrieg während ich hier Strohsterne verknote. Jedem das Seine. Bestimmt hört ihr schon heraus, dass ich diesem Heldenepos wenig abgewinnen kann, trotzdem bringt es mich zum Nachdenken. Nicht, weil ich mich darum sorge, wie es nun wohl mit Darth Vader weitergehen mag – sehr lustig – nein, weil mich der Film daran erinnert, dass wir uns ständig aus der Gegenwart beamen.

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In meinen Gedanken bin ich hier und dort, nur selten im Jetzt. Doch das Leben findet im Jetzt statt. Gebe ich nicht acht, werde ich es verpassen.

Da denke ich doch, ich sei präsent, aber Pustekuchen. Selbst bei meiner Meditation erwische ich mich dabei, wie ich in Gedanken überlege, was ich noch alles bis zum Fest erledigen muss. Und heute früh war ich wieder in der Zukunft unterwegs. Ich sah mich bereits am Mittwochabend – nein, nicht mit Popcorn und Nachos in einem abgedunkelten Kinosaal – sondern in einer gemütlichen Loge zusammen mit meiner Tochter, denn am Mittwoch wollen wir uns das Ballett Nussknacker in der Staatsoper ansehen. Wunderbar, ich liebe diese klassische Inszenierung, die haben wir uns schon einmal angeschaut. Schade nur, dass mich die Vorfreude heute beim Meditieren mal wieder nicht wirklich präsent sein ließ.

Wann bin ich denn nun wirklich präsent? Immer dann, wenn ich atme. Indem ich mich mit meinem Atem verbinde, spüre ich meinen Körper und bin mit meiner Aufmerksamkeit komplett bei mir.

Während ich gedanklich bereits durch mein Opernglas spähte, drifteten meine Gedanken trotz alledem auch Richtung Achtsamkeit. Ich überlegte mir nämlich, dass die Tänzerinnen auf der Bühne absolut präsent sein müssen, ansonsten würden sie es verpatzen. Sie müssen atmen, immer wieder über den Atem in Verbindung mit ihrem Körper bleiben. Und so kam mir die Idee zu dem Blogthema heute.

Probiert es selber aus: Sobald ihr bewusst atmet spürt ihr euren Körper und damit euch selbst.

Beim Meditieren kehre ich ja auch über den Atem immer wieder in die Gegenwärtigkeit zurück. Jedenfalls versuche ich es. Mein Atem ist sozusagen der Stopper, der dafür sorgt, dass ich nicht unentwegt gedanklich ausbüxe. Und im Alltag erlaubt mein Atem mir schnell in die Beobachterposition zu schlüpfen, wenn es emotional kritisch wird.

  1. Reiz
  2. ATMEN = Freiraum
  3. Reaktion

Ihr kennt doch sicher den Spruch: „Atme erst einmal durch“. Im Grunde ist es nichts anderes: Taucht ein emotionaler Reiz auf, zum Beispiel kritisiert euch euer Chef, atmet ihr erst einmal bewusst zwei-, dreimal tief ein und aus und erst dann reagiert ihr auf diesen Reiz, sprich hier die Kritik. Was passiert während dieser kurzen Atempause?

Ihr spürt Eure Emotion (Kränkung, Wut,…)- auch körperlich – und indem ihr sie erkennt habt ihr die Wahl, ob ihr dieser Emotion blind folgt oder bewusst und achtsam handelt.

Über unseren Atem können wir quasi für Sekunden die Pause-Taste drücken, um aus der Beobachterposition klar zu erkennen, welche Emotion uns bewegt. Und durch diesen Moment der Erkenntnis lösen wir uns bereits ein wenig von der Emotion.

Ja, ja, ich weiß, alles leichter gesagt als getan. Ich gebe zu, mir gelingt das auch nicht immer. Ich bin ein impulsiver Mensch, jedoch bringt mich diese Ausrede nicht weiter. Gelingt es mir nämlich, über den Atem quasi kurz innezuhalten, bevor ich blindlings impulsiv reagiere, verlaufen die Dinge meist wesentlich entspannter.

Zugegeben, anfangs hatte ich die Sache mit dem Atem immer belächelt. Achtsam sein und schön atmen, das klang in meinen Ohren so märchenonkelhaft. Mittlerweile nutze ich meinen Atem täglich. Einmal wie eben beschrieben zur „Abfederung“ meiner Emotionen und ebenso häufig, um mich selber zu spüren.

Wer sehr verkopft und pflichtbewusst sein Tagesprogramm erledigt, verliert leicht das Gefühl für sich selbst. Sobald wir jedoch bewusst atmen, spüren wir uns wieder.

Im Buddhismus ist häufig die Rede von Körpergewahrsein. Dabei geht es um die sensible Wahrnehmung unseres körperlichen Empfindens, wodurch wir letztendlich Zugang zu unseren Gefühlen bekommen. Und auch hier ist der Schlüssel wieder unser Atem.

Wenn ihr bereits irgendwelche Entspannungstechniken praktiziert, dann wisst ihr selbst, wie wirkungsvoll bewusstes Atmen ist. Über den Atem können wir schnell zur Ruhe finden oder uns ratz fatz energetisch aufladen. Viele fragen sich dann: Wie muss ich denn atmen, mache ich es richtig, kann mir das jemand zeigen?

Mir gefällt, was der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh dazu sagt:

Anfangs glauben wir vielleicht, es müsse da jemanden geben, damit Atmen möglich sei, es müsse da jemanden geben, damit Gehen möglich sei. Doch in Wirklichkeit sind Gehen und Atmen genug, wir brauchen keinen Geher, keine Atmerin. Wir können einfach wahrnehmen, dass gehen geschieht, dass Atmen geschieht.“
Aus: „Versöhnung mit dem inneren Kind“

Das ist also schon alles: Einfach tun. Vielleicht noch als Tipp zum Schluss: Wenn ihr tief in euren Brustkorb ein- und ausatmet, eure Brust sich hebt und senkt und der Atem von oben nach unten fließt, so aktiviert ihr euch. Anders dagegen, wenn ihr in euren Bauch atmet: Beim Einatmen wölbt sich der Bauch, beim Ausatmen fällt er zusammen. Jetzt fließt der Atem vor und zurück. Diese Atmung entspannt und beruhigt.

So, während die Star Wars-Euphorie meine „Männer“ noch eine Weile durchs Weltall transportieren wird, teleportiere ich mich über meinen Atem vom Computer zurück ins Jetzt und atme schön in den Bauch hinein, denn nun ist Feierabend.

 

dtmg

  • Mithilfe meines Atems versuche ich nicht sofort auf emotionale Trigger impulsiv zu reagieren. Ich atme stattdessen und gehe in die Beobachterposition.
  • So oft es geht ermahne ich mich daran, zu atmen, um meinen Körper zu spüren.
  • Sobald ich mich über den Atem mit meinen Körper verbunden habe, schaue ich achtsam, was ich fühle.

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