Jutta Vogt-Tegen

Irgendein schlauer Mensch sagte einmal, dass der Weg entsteht, indem man ihn geht. Und ich finde, das passt wunderbar, denn ich bin auch einfach losmarschiert. Da mich die geraden Autobahnen schon immer langweilten – auch wenn sie schnell, und gewiss zielorientiert sind – bin ich über die verzweigten Landstraßen getingelt. Herrlich!

Nach Auslandsaufenthalt, Studium und allem, was man so macht, um dem jugendlichen Wunsch nach beruflichem Erfolg nachzukommen, hatte ich mit Mitte zwanzig einen super interessanten Job bei der Designerin Jil Sander, um den mich meine Freundinnen alleine wegen der Sonderkonditionen in Bezug auf die Luxusklamotten beneideten. Und zugegeben, in diesem Alter als Single von Kopf bis Fuß in einem Designer-Outfit auf Piste zu gehen, das war ein prima Gefühl. Wäre dieses hier das Vorwort eines schlauen Lebenshilfebuches, müsste ich nun von einem plötzlichen Aha-Erlebnis erzählen, das mir das Wesentliche, auf das es ankommt im Leben, offenbarte. So war es aber nicht.

Trotzdem tat sich was bei mir. Seit zwei Jahren praktizierte ich zu der Zeit Transzendentale Meditation (TM), wozu ich durch eine Liebelei gekommen war. Immerhin, die Liebe verpuffte schnell, die Meditationspraxis blieb. Jeden Morgen und jeden Abend jeweils 20 Minuten. Als Single relativ einfach durchzuhalten, wie sich so etwas mit Familie im Gepäck machen lässt … hmm … nicht so einfach, geht aber, dazu mehr im Blog. TM hat mich tatsächlich dazu gebracht, dass ich zunehmend spürte, im Grunde möchte ich schreiben, das schlummert in mir, das macht mich aus. Also noch mal Kurswechsel und von vorne.

Als ältliche Praktikantin mit 31 Jahren ließ ich mich in einer Redaktion von Mitte Zwanzigjährigen herumkommandieren und fand es aufregend und lebendig – jeder Tag ein neues Abenteuer. Ich machte Homestorys bei Prominenten und fand nichts spannender, als Menschen zu treffen, von ihnen zu lernen und zu gucken, was das Leben alles bereithält. Endlich selbst Redakteurin, hätte es so weiter gehen können, nur dann kam der Prinz um die Ecke und statt Einblicke in fremde Häuser, gab es nun Einsichten in eigene Grenzen. Babygeschrei und Kleinkindgezeter nagten schon bald an den Nerven. Oh ja, ich gebe es gerne zu, mit den Kindern meldeten sich auch alte Dämonen aus meiner Kindheit zurück: Ängste, Zweifel, Ansprüche an mich selbst, Fragen ans Leben und alles Mögliche, was einen ziemlich ins Straucheln bringt. So kam ich zu dem Thema Persönlichkeitsentwicklung, das mich seitdem nicht mehr loslässt. Mehrere Jahre war ich in einer „Pesso-Gruppe“ (Pesso Boysden System Psychomotor), habe unterschiedlichste Therapieformen ausprobiert und bin mehrere Male auf Therapiereise gegangen, immer auf der Suche … naja … wonach suchen wir denn, nach Glück und Zufriedenheit. Vor allem wollte ich meinen inneren Ballast abwerfen.

Somit tanzte ich bei Sonnenaufgang zusammen mit anderen Nackedeis in einer kleinen andalusischen Bucht, wir alle mit Fingerfarben bemalt, Zeichen für Verletzungen aus der Vergangenheit, trommelte, sang Mantras und warf mich in die Fluten zwecks ritueller Reinwaschung. Am Lagerfeuer verbrannte ich auf Zettel geschriebene Glaubenssätze aus früheren Jahren und schlug mit aller Kraft auf Kissenberge ein, um meiner inneren Wut freien Lauf zu lassen. (Übrigens sehr zu empfehlen.) Schließlich entschied ich mich für eine Ausbildung zum „Purpose Coach“ in der Schweiz. Und hier kam ich um die Achtsamkeit nicht länger herum. Denn alles, wirklich alles, was wir auch unternehmen, um unseren Purpose – unsere Essenz, unser wahres Ich, tief in unserem Herzen – zu leben, hat mit Achtsamkeit zu tun.

Mir wurde klar, dass wir uns noch so eifrig abstrampeln und von einem hochkarätigen Seminar zum Nächsten hecheln können, ohne Achtsamkeit wird immer etwas fehlen. Erst durch Achtsamkeit können wir erkennen, was ist, und das Leben mit allen Auf und Abs annehmen.

In meinen Vorträgen vor dem International Women´s Club bestätigten mir die anschließenden Diskussionen mit Frauen aus unterschiedlichsten Kulturen, dass Achtsamkeit auch religionsübergreifend der Schlüssel für Zufriedenheit und Verständnis ist. Ich weiß, das klingt jetzt so, als würde ich beseelt auf meiner Achtsamkeitswolke durchs Leben schweben. Weit gefehlt! Mir gelingt das Achtsamkeitsding auch nicht immer, aber ich arbeite dran. Und je achtsamer ich daran arbeite, desto bereichernder erweitert sich meine Wahrnehmung. Ganz klar, es gibt Tage, da kann mir die Achtsamkeit mal den Buckel runterrutschen. Aber ich bleibe am Ball und siehe da, an solchen Tagen bin ich jetzt gnädiger mit mir und den Menschen, immerhin.

Und da ich weiter am Marschieren bin, die Spuren meines Weges mich bis hierhin geführt haben, bin ich selber gespannt, was ich zukünftig auf meinem Pfad entdecken werde. Doch im Sinne der Achtsamkeit genieße ich dabei jeden Schritt, nehme wahr und akzeptiere auch die Schlaglöcher, die gehören eben dazu.

Eure Jutta Vogt-Tegen