Rücksprache mit unserem Körper

Statt mit meinem Mann und seinem Kumpel auf ein Bierchen um die Ecke zu gehen, liege ich träge auf dem Sofa und vertiefe mich in Klatsch und Tratsch: Eure Hoheit, die Queen, hat mit Gatte Prinz Philip in Deutschland Hofstaat gehalten. Doppelseitiger Hochglanz über die royale Farbenpracht samt Hut auf Schloss Bellevue. Ich blättere weiter, Model Klum mit ihrem Vito ist auch immer nett anzusehen, in Schwedens Dynastie wird wieder Nachwuchs erwartet, und bei dem Schauspielerpaar Charlize Theron und Sean Penn hat es sich ausgeliebt.

Bevor die beiden Männer loszwitschern gucken sie kurz bei mir rein: Geht‘s gut? Klar geht‘s gut, alles bestens. Und genau da fängt die Schwindelei an. Ich belüge mich täglich selbst. Und ich mutmaße mal, dass ihr das ähnlich macht: Wie oft antwortet ihr auf diese Standardfrage, dass es euch gut ginge, ohne zu wissen, wie es euch wirklich geht. Ich schaue meistens nicht genau hin. Spüre ich eine Art Unlust flüchte ich mich gedankenlos in Ablenkung. Seien es nun die Glamourwelten der Promis, Facebook oder Online-Shopping. Ich tauche unter, statt einzutauchen in meinen Körper.

Hier auf dem Sofa liegend spüre ich lediglich den süßen Schmelz der Schokolade, der die Geschmacksnerven meiner Zunge stimuliert, den Rest meines Körpers ignoriere ich.

Indem ich jedoch Verbindung zu meinem Körper aufnehme, erfahre ich, welche Gefühle mich tragen und was mir in dem Moment gut tut.

Das sieht bei mir zur Zeit leider anders aus: Ich registriere meinen Körper als etwas Selbstverständliches und nehme ihn gar nicht wahr, stattdessen lebe ich in meinem Geist. Und der schwirrt um Vergangenes, macht sich Sorgen um Zukünftiges oder flüchtet sich in Belangloses – bloß nicht spüren! Zwei getrennte Wesen, das bin ich.

Der Atem ist die Brücke, die Körper und Geist verbindet.“
Aus: Versöhnung mit dem inneren Kind, Thich Nhat Hanh

Indem ich bewusst atme, verbinde ich mich mit meinem Körper und fange an zu spüren, wie ich mich fühle. Laut Buddha besteht ein Mensch aus fünf Elementen, den skandhas: Vorstellungen, Geistesformationen, Bewusstsein, Gefühle und Form.

KW26-2015

Der buddhistische Mönch Thich Naht Hanh benutzt hier ein schönes Bild, das gefällt mir:

Wir sind der König, und diese Elemente sind unser Land.“

Und als gerechter „Herrscher“ habt ihr verdammt noch einmal die Aufgabe, euch um diese Güter sorgsam zu kümmern und ihnen gleich viel Beachtung zu schenken. Gefühle und Form dürfen nicht zu kurz kommen. Ich werde mir dieses Bild einprägen. Schließlich achte ich bei meinen Kindern auch penibel darauf, dass keiner benachteiligt wird. Außerdem stimmt mich dieses Abhängen auf dem Sofa ziemlich aggressiv.

Wie ein Fluss strömen die Gefühle in uns dahin, und jedes Gefühl ist ein Tropfen dieses Flusses.“

Wenn ich nun meine eigene Landschaftsgärtnerin bin, kann es doch nicht angehen, dass ich tatenlos zusehe, wie diffuse Gefühlsströme meinen Körper prägen. Wieso kriege ich das immer erst so spät mit? Weil ich ständig mit „Danke, mir geht es gut“ antworte und mir das mittlerweile wie ein Mantra eintrichtere.

Da fällt mir die Yogastunde diese Woche ein: Ich stand im „herabschauenden Hund“ – Füße und Hände auf die Matte gestützt, Popo in die Höh – als meine Lehrerin mir in den Nacken griff und kräftig die Schultern runterdrückte. Ich kenn das schon – same procedure as every lesson. Der Stress sitzt mir im Nacken. (Statt yogische Verrenkungen zu üben, sollte ich nämlich lieber fleißig schreiben.) Solche Zeichen von Anspannung erkennt ihr übrigens auch an den Schlüsselbeinknochen: Diese werden durch die stressbedingte Kontraktion der Schulter- und Nackenmuskulatur hochgezogen.

Genau das will ich nicht länger, mein Entschluss steht:

Ich verbinde und verbünde mich mit meinem Körper.

Schokolade und Zeitschriften weg und runter vom weichen Samt: Ich stelle mich aufrecht hin, strecke den Hals, schiebe meine Schultern nach unten und atme. Ich atme ruhig und tief, zehnmal ein und aus. Ist ja auch irgendwie logisch, je gebückter ich in mir zusammensacke, desto weniger gut können die Energien fließen. Kein Wunder, dass sich dann schlechte Gefühle in mir sammeln. So erkläre ich mir das jedenfalls. Genau das werde ich nun täglich praktizieren. Durch das Atmen spüre ich meinen Körper tatsächlich. Warum ich heute so grummelig bin, weiß ich zwar noch immer nicht, aber dieses miesepetrige Gefühl verflüchtigt sich durch Haltung und Atmung.

Eine aufrechte Haltung signalisiert euch, dass ihr Herr eurer Lage seid. Für mich heißt das: Ich hänge nicht mehr so hilflos in meinem Abendtief, habe die Situation wieder im Griff. Das ist doch schon mal was.

Unser Verstand nimmt jede Körperhaltung sofort wahr und interpretiert sie entsprechend.

Somit Vorsicht: Je öfter ihr mit herunterhängenden Schultern, hängendem Kopf und nach vorne gebeugt durch den Alltag schlurft, desto trüber wird eure Stimmung, desto dunkler die Gedanken und am Ende klappt nichts mehr so richtig. Jedoch ein kurzer Wechsel der Körperhaltung und schon sieht die Welt rosiger aus.

Mein guter Vorsatz: Statt Flucht in triviale Ablenkungen oder an den Kühlschrank atme ich und spüre. Und ich werde das Ganze noch etwas ausbauen, indem ich in dieser aufrechten Haltung sehr bewusst ein paar Schritte gehe, um achtsam meinen gesamten Körper zu spüren: Füße, Beine, Bauch, Arme, Schultern, Kopf – alles, was da so zugehört.

Und mit dieser positiven Körperspannung kehre ich meinem Sofanest jetzt den Rücken und marschiere zu den Jungs um die Ecke, so ein Gläschen wäre doch nett.

 

dtmg

  • Erst lasse ich Schultern und Rücken hängen, danach richte ich mich wie eine Königin auf: erhobenes Haupt, langer Hals, Brustwirbel geweitet, Blick geradeaus. Wie wirkt sich dieser Haltungswechsel auf meine Stimmung aus?
  • So oft es am Tage geht, verbinde ich mich über bewusstes Atmen mit meinem Körper und spüre nach, wie sich das anfühlt.
  • Ich lege während der Arbeit am Computer Gehpausen ein: Zehn tiefe Atemzüge lang schreite ich langsam durch den Raum und spüre.

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