Komplimente füllen das Glückskonto

Heute Vormittag sagte ich einer Freundin, dass ich ihr Profilbild bei WhatsApp richtig hübsch fände. Ihre Reaktion: „Naja, da bin ich ja auch voll geschminkt.“ Keine Ahnung wie ihr mit Komplimenten umgeht, aber ich reagiere meist ähnlich: Jemand lobt meine Arbeit, macht eine nette Bemerkung über mein Outfit, sagt mir, ich sei eine gute Mutter oder ich würde für mein Alter noch recht appetitlich aussehen, doch statt mich zu bedanken, das Kompliment wirken zu lassen und der Freude darüber nachzuspüren, rede ich solche Kommentare schnell klein. Mir ist so etwas peinlich. Auch wenn ich mich freue, trotzdem würge ich diese Freude ab. Und lächelt mich jemand grundlos an, fühle ich mich wie angetriggert: Was will die Person, kenne ich sie vielleicht, muss ich etwas sagen, etwas machen, irgendwie reagieren? Was für ein Zirkus!

Der Schriftsteller Mark Twain sagte angeblich, dass er von einem guten Kompliment zwei Monate lang leben könne.

Geht es nicht genau darum? Ein Lächeln, ein Kompliment – wenn wir diese Geschenke des Lebens zulassen und annehmen, öffnen wir den Pfad zu unseren Herzen.

Interessant auch, dass in dem Unterrichtsfach „Glück“, das mittlerweile an mehr als 100 Schulen in Deutschland angeboten wird, mit den Schülern Komplimente geben und annehmen geübt wird. Auf kleine Zettelchen schreiben die Grundschüler, was sie an ihren Klassenkameraden mögen. Sei es, dass man prima zusammen Quatsch machen, Geheimnisse teilen oder gut voneinander abschreiben kann. In einem Artikel im Hamburger Abendblatt über den Glücks-Unterricht in einer Hamburger Schule, sagte eine Drittklässlerin, dass ein Kompliment für ein warmes Gefühl in ihrem Bauch sorge. Das würde so schön kribbeln. Ist das nicht herrlich!

Die Intensität unserer Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen verflacht. Leben wird austauschbar. Lebensfreude hängt stark mit innerer Berührung, mit wirklicher Begeisterung oder emotionaler Beteiligung zusammen.“
Beate Hofmann (aus: „Einfach gut – Mit Leichtigkeit erfüllter leben“)

Sich berühren lassen. Ich denke, das ist das A und O im Leben. Ein Kompliment berührt. Ein Kompliment überschreitet eine Grenze zwischen euch und eurem Gegenüber. Und ein Lächeln wappnet den Weg dahin. Bemerkenswert in dem Zeitungsartikel, dass ein Schüler meinte, es sei ihm peinlich, Komplimente zu machen. Ein Klassenkamerad riet ihm, den Zettel mit dem notierten Kompliment heimlich in die Kapuze oder in den Ranzen des Empfängers zu stecken. Ist es euch auch peinlich, Komplimente zu geben? Habt ihr Angst, euch lächerlich zu machen, den Eindruck der Anbiederei zu erwecken?

Wir sind in unseren Gedanken so sehr mit unserer eigenen Wirkung auf andere beschäftigt, mit Vergleichen und Beurteilen, dass wir uns das Erleben der Gegenwärtigkeit und der Spontaneität berauben.

Wenn ich mich achtsam beobachte, stelle ich fest, dass ich leider dazu neige, auf Defizite zu schauen. Zum Beispiel kritisiere ich viel zu häufig meine Kinder anstatt den Fokus auf das, was sie gut machen, zu lenken. Ich könnte meinen Sohn beispielsweise dafür loben, dass er seine schmutzige Wäsche von sich aus in den Wäschekorb legt, jeden Abend, ohne Ausnahme. Stattdessen mäkle ich herum, dass er nicht in der Lage sei, die Klamotten auf die rechte Seite zu drehen.

Mit Komplimenten ist es im Grunde ähnlich wie mit einem Lächeln. In dem Moment, wo ich jemanden etwas Nettes sage, regt sich auch bei mir im Herzen etwas. Ich strecke sozusagen eine unsichtbare Hand aus, um mit der anderen Person in „Berührung“ zu kommen.

Ein Kompliment ist ein Kuss durch einen Schleier.“
Victor Marie Hugo

Wie viel freundlicher könnte alles sein, wenn wir großzügiger mit unserem Lächeln werden. Wie viel mehr Freude würde pulsieren, wenn wir uns mutiger in Bezug auf Komplimente wagen. Komisch, dass ich mich auch manchmal nicht traue, selbst wenn mir das Kompliment auf der Zunge liegt. Ich erinnere mich noch an einen Urlaub, wo jeden Morgen im Frühstücksraum ein altes italienisches Ehepaar neben uns saß. Beide bestimmt Ende Siebzig, aber so unglaublich geschmack- und stilvoll gekleidet. Natürlich waren ihre Bewegungen entsprechend der Jahre langsamer, aber voller Eleganz. Und ich? Habe die beiden Morgen für Morgen beobachtet und mich erst nach über einer Woche getraut, sie anzusprechen und ihnen ein Kompliment zu machen. Danach lächelten wir uns jeden Morgen freundlich zu, wünschten einen schönen Tag. Nett eben.

Komplimente sind wie Sonnenstrahlen, die plötzlich unseren Tag erhellen.

Nachdem meine Freundin mein ehrliches Kompliment wegen ihres Profilbildes schnell abgetan hatte, ergab diese Bemerkung jedoch den Anstoß zu einem intimen Gespräch über Schönheit und Alter. Ein vertrautes Gespräch, bei dem wir wirkliche Nähe teilten.

Da fällt mir ein, dass mir mein Mann vorgestern Abend auch ein Kompliment machte. Typisch, dass ich seine netten Worte gar nicht richtig beachtete. Mein Mann macht mir oft Komplimente und statt mich darüber zu freuen, nehme ich sie nicht richtig wahr, es ist eben mein Mann, das ist mir vertraut. Schrecklich, oder? Gestern dann, als ich mich entschied, über Komplimente zu schreiben, wurde mir meine Missachtung erst richtig bewusst und ich schämte mich. Also fragte ich ihn noch einmal nach seinem gestrigen Kompliment. Er musste eine Weile überlegen und sagte dann, dass er fände, ich sei ein außergewöhnlicher Mensch. Das saß! Da sieht man mal, so ein nettes Kompliment und ich höre bereits aus Gewohnheit nur mit dem halben Ohr hin.

Jetzt beschäftigt mich dieses Kompliment, denn ich spüre hinein und freue mich darüber. Es stärkt mich und erfüllt mein Herz. Ich werde es weiter in mir tragen.

Wie Mark Twain bereits sagte, ein Kompliment kann uns tragen.
Also nur zu, traut euch und seid offener für Komplimente. Und lächelt. Denn ein Lächeln ist die kleine Schwester des Kompliments.

 

dtmg

  • Ich traue mich, mehr Komplimente zu machen und spüre hinein, was die Freude der anderen Person über mein Kompliment auch bei mir auslöst.
  • Bekomme ich ein Kompliment, nehme ich es dankend an und spüre nach, wie es sich anfühlt – auch körperlich.
  • Wie wäre es, mir selber Komplimente zu machen? Ich probiere es mal aus.

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