Auch wir haben zwei Seiten

Dämonisch grinsende Kürbisfratzen, blutunterlaufene Triefaugen und warzenbesetzte Hakennasen – es gruselt wieder, morgen ist Halloween. Solltet ihr Kinder haben, wisst ihr, welch Highlight das für die kleinen Monster ist. Es geht nicht nur um die Kostüme, ebenso wichtig ist die Ausbeute an Naschkrams, nachdem die Nachbarschaft mit „ Süßes – sonst gibt‘s Saures“ nervlich drangsaliert wurde. Ein besonderer Spaß ist es auch, mit der Maskierung endlich mal sein fieses Gesicht zeigen zu dürfen. Hämisch kichernde Hexen, rachsüchtige Aliens oder mordlüsterne Totengräber. Das Interessante an dem Spektakel: Es macht Freude, diese dunkle Seite geräuschvoll, mit Schminke zelebriert und wildem Gebärden auszuleben. Hm … da steckt doch tatsächlich viel Düsteres in uns.

In der Annahme unserer negativen Emotionen liegt das Verstehen, dass es uns an Liebe für uns selbst fehlt.

Oh nein, den kleinen Halloweenmonstern fehlt es gewiss nicht an Eigenliebe. Doch bitte einmal ernsthaft in Bezug auf unsere täglichen Emotionen: Klar achte ich jetzt viel auf meine Emotionen, was sie mit mir machen, welche Gedanken ihnen zugrunde liegen. Doch damit bin ich lange nicht frei von beispielsweise Neid. Eine frühere Freundin, mit der ich jahrelang sehr eng befreundet war, treffe ich manchmal mit ihrem Mann an der Alster beim Joggen. Ich weiß, dass sie einen tollen Job hat, ihre Tochter nur Einsen schreibt und sie selbst sieht auch noch klasse aus. Und ich? Ich bin neidisch. Bei ihr scheint alles mühelos stimmig zu sein. Dabei habe ich null Ahnung, wie es bei ihr wirklich ausschaut. Doch sobald ich sie sehe, bohrt der Stachel Neid in meiner Brust.

Fehlendes Selbstwertgefühl lässt uns Situationen so interpretieren, dass Neid und Abgunst unser inneres Gleichgewicht ins Schwanken bringen.

Ich wette, ihr kennt auch solche Situationen, in denen ihr Sätze wie diesen denkt: „Bei denen ist bestimmt auch nicht alles so, wie es scheint.“ Warum fällt es oft schwer, sich einfach für die anderen zu freuen? Warum suchen wir bei ihnen nach Mankos?

Der buddhistische Mönch Han Shan erklärt, dass jeder von uns aus vielen verschiedenen Grundenergien besteht. Der Lebenswille ist der Motor, der uns antreibt und für unsere Entwicklung wichtig ist. Doch da gibt es noch mehr:

Weitere Grundenergien, die wir Menschen in uns tragen, sind vor allem unser Machtanspruch sowie Wut, Hass, Eifersucht, Gier, Feindseligkeit, aber auch Mitgefühl, Mitfreude, Liebe, Verständnis, Vertrauen, Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe.“
(aus: Achtsamkeit – Die höchste Form des Selbstmanagements“)

Laut Han Shan bilden diese Energien unsere energetische „Festplattenkonfiguration“. Und selbstverständlich sind diese Energien bei jedem von uns unterschiedlich stark ausgeprägt. Ertappe ich mich bei solchen negativen Emotionen, spüre ich geradezu, wie sie mich hässlich machen. Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich so empfinde, schäme mich dafür und habe manchmal auch ein schlechtes Gewissen deswegen. Und damit wird meine Eigenwahrnehmung in ihrer Negativität nur verstärkt.

Um ein Leben in Frieden, Glück und Wohlbefinden führen zu können, braucht es die Kraft der Achtsamkeit. Sie schenkt uns Wissen über unseren Verstand und das, was er gerade verarbeitet und auslöst.“
Han Shan

Unser Verstand kann sich selber nicht erkennen. Han Shan spricht hier von der „Prozessorfunktion“ unseres Verstandes. Daher ist Achtsamkeit so notwendig, um quasi die Arbeit des Prozessors zu verstehen und zu durchschauen. Von selbst macht er das nicht. Wenn ihr alle die negativen Emotionen wie Missgunst, Neid oder auch Besserwisserei als das erkennt, was sie sind – Grundenergien unserer Festplatte – könnt ihr sie annehmen, ohne euch von ihnen einnehmen zu lassen.

In dem Moment des Erkennens offenbart sich bereits die wunderbare Möglichkeit des Loslassens und der Transformation.

Wenn wir ehrlich sind, wird unser ehrbares Bestreben nach Mitgefühl, Toleranz und Großherzigkeit nicht dazu führen, diese negativen Emotionen auszumerzen. Energie lässt sich nicht vernichten. Ich glaube schon, dass es einen großen Unterschied macht, diese Seiten an uns zu erkennen und einfach zu akzeptieren. Entscheidend ist, ob wir uns von ihnen mitreißen lassen oder nicht. Die Wahrnehmung, was gegenwärtig bei uns innerlich abläuft, stellt uns vor die Wahl: Unser Leid – sprich fehlende Selbstliebe und mangelnden Selbstwert – weiterhin zu nähren oder liebevoll für uns selbst zu sorgen.

Im Grunde wissen wir ohnehin, dass das Hochgefühl, sobald wir jemand anderem neiden, Rachegedanken oder Schadenfreude hegen, ein kurzes Verfallsdatum hat.

Letztes Jahr sah ich besagte frühere Freundin übrigens fast täglich beim Abholen der Kinder. Zum Glück gehen die Kinder jetzt auf unterschiedliche Schulen. Denn tatsächlich hatten mir diese Begegnungen echt zu Schaffen gemacht. Unglaublich, wie viel freier ich mich jetzt fühle. Ärgerlich um die vertane Zeit, die ich mir mit neidvollen Gedanken vermiest habe! Hätte ich mich damals bloß schon der Achtsamkeit verschrieben!

Diese Einstellung dem Leben gegenüber stellt in der Tat auf jeder Ebene einen radikalen Akt der Liebe dar.“
Jon Kabat-Zinn, aus: „Gesund durch Meditation“

Genau, so ist es: Weder hätten mich meine negativen Emotionen mitgerissen, noch hätte ich mich deswegen gegrämt. Ich hätte meine Gefühle angenommen, erkannt und wäre vielleicht auch bereit gewesen, dieser Freundin mit einem liebevollen Blick zu begegnen.

Es gehört zur Schönheit dieser Haltung, dass sie von uns keinerlei Tun verlangt, sondern lediglich, dass wir aufmerksam, wach und bewusst sind.“
Jon Kabat-Zinn, aus: „Gesund durch Meditation“

Alle unsere Emotionen, ob nun negativ oder positiv, machen aus, was und wer wir sind. Jon Kabat-Zinn spricht von „Dimensionen des Seins“. Das gefällt mir. Vielleicht werde ich mich morgen auch verkleiden, mit meiner Tochter zusammen von Tür zu Tür ziehen und mit einem Augenzwinkern mit meiner dunklen Dimension des Seins spielen.

 

dtmg

  • Ich achte auf negative Gefühle wie zum Beispiel Neid, Missgunst und Schadenfreude. Sobald sie mir bewusst werden atme ich achtsam, um etwas Abstand zu bekommen.
  • Ebenso achte ich darauf, wie sich andere von negativen Gefühlen zu Lästereien hinreißen lassen.
  • Sobald sich negative Gefühle in mir ausbreiten, achte ich auf meine Gedanken und schaue, welche Regung sich tatsächlich dahinter verbirgt.

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