Nichts als Ärger mit dem Ärger

Am Montag war Internationaler Tag des Friedens, ich pirsche jedoch seit Anfang der Woche auf dem Kriegspfad. Ist mir auch völlig Schnuppe, dass derzeit das Islamische Opferfest zum Höhepunkt der Wallfahrt nach Mekka gefeiert wird. Sollen die doch alle sonst wohin pilgern, um irgendein religiöses Gebot zu erfüllen. Wie wäre es mit „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Bei mir hat es sich ausgeliebt. Warum dieser Groll? Ich erzähle es euch: Wir wollten einen Hund. Und das bedurfte einiger Überzeugungsarbeit: erst meinen Mann umstimmen, dann in endlosen Gesprächen die Vermieterin und zuletzt das Okay aller Mitbewohner einholen. Die Sache war so gut wie eingetütet, Oskar, der gewünschte Findelwelpe aus Ungarn gedanklich bereits als neuer Familienzuwachs integriert und dann kam das NEIN. Die Mieter unter uns wollen keine Hunde im Haus. Was für Spießer! Ich koche vor Wut und Ärger!

Sei nicht wütend über deinen Ärger, deine Wut. Versuche nicht, sie zu vertreiben oder zu unterdrücken. Stelle einfach fest, dass sie aufgekommen ist, und nimm dich ihrer an.“
Aus: „Nimm das Leben ganz in deine Arme“, Thich Nhat Hanh

KW39-2015

Ich weiß nicht, wie ihr mit Ärger umgeht, aber aller Achtsamkeit zum Trotz könnte ich explodieren. Nun hilft mir das wenig, denn die Situation ist so, wie sie ist, da ändert auch ein Wutausbruch nichts dran. Zwei Tage war ich extrem grummelig und hatte auch für die Enttäuschung der Kinder nur recht barschen Trost zur Hand. Immerhin war ich achtsam genug, ihnen zu erklären, dass ich verärgert sei. Und ich konnte ebenso achtsam wahrnehmen, dass meine Wut im Grunde ein Gefühl der Machtlosigkeit und Traurigkeit war. Der Mönch Thich Nhat Hanh vergleicht den achtsamen Umgang mit Ärger mit einer Mutter, die ihr Baby schreien hört: Sofort eilt sie zu dem Kind, nimmt es hoch und hätschelt es. Sie weiß nicht unbedingt, was dem Säugling fehlt, doch sie wiegt ihn und versucht herauszufinden, welches Unbehagen das Schreien verursacht.

Betrachte deinen Ärger genauso aufmerksam, wie du es mit deinem Kind tun würdest. Lehne ihn nicht ab, hasse ihn nicht, als sei er dein Feind.“
Thich Nhat Hanh

Stimmt ja auch, schließlich können wir den Ärger weder schnell mal eben wegpusten noch unterdrücken. Er ist da und wir müssen uns um ihn kümmern. Genauso achtsam wie wir etwas trinken oder essen, genauso achtsam und gegenwärtig müssen wir auch Ärger gegenüber sein. Thich Nhat Hanh rät in solchen Situationen bewusst zu atmen:

Ich atme ein und bin mir meines Ärgers bewusst. Ich atme aus und weiß, dass ich mich meines Ärgers annehme.“

Zuerst steigt dabei die Energie des Ärgers auf. Erst danach breitet sich in uns Energie der Achtsamkeit aus. Die Energie der Achtsamkeit umarmt nun die Energie des Ärgers und besänftigt sie, sodass sich der Ärger auflösen kann. In diesem Zustand haben wir auch die Möglichkeit, den Ärger tiefgehender zu betrachten. Oft erkennen wir dann die „wahren“ Gefühle, die dem Ärger untergelagert sind.

Wir erzeugen nicht Achtsamkeit, um mit ihr unseren Ärger zu verjagen oder zu bekämpfen, sondern um uns seiner auf gute Weise anzunehmen.“
Thich Nhat Hanh

Na immerhin, dann hat die ganze Geschichte ja etwas Gutes: Hurra, ich habe einen Bonuspunkt in Sachen Achtsamkeit erzielt. Schließlich habe ich tatsächlich erkannt, dass unter meiner Wut Gefühle von Traurigkeit, Ausgeliefertsein und Enttäuschung brodeln. Ist doch was. Der buddhistische Mönch Matthieu Ricard empfiehlt, die Aufmerksamkeit auf die Wut selbst zu richten und nicht auf den Auslöser. Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Die Wut sozusagen als ein getrenntes Phänomen zu betrachten. Uiuiui, also davon bin ich nun doch meilenweit entfernt. Ich habe weiterhin einen Rochus auf unseren Nachbarn. Angeblich sei ihm das mit dem Hund zu laut, er würde bereits täglich das Getrampel unserer Kinder über ihm hören. Meine kleine Tochter stöckelt nun jeden Abend in meinen High Heels (sie sagt dazu „Hackschuhe“) übers Parkett. Ich weiß … aber ich habe nie behauptet in Sachen Achtsamkeit bereits perfekt zu sein.

Wenn wir Wut und Ärger mit dem Blick der Achtsamkeit betrachten, werden sie wie ein Feuer verglimmen, in das wir kein Holz mehr legen.

Wenn ich an folgendes Bild denke, mit dem Matthieu Ricard in einem Interview auf die Frage antwortete, wie er mit geistigen Störenfrieden wie Wut umgehen würde, dann weiß ich, mein Weg ist noch lang. Den Mönch faszinieren die Adler im Himalaja, die oft von viel kleineren Krähen angegriffen werden. Die offenbar sich selbst komplett überschätzenden Krähen stürzen sich geradezu in einem Kamikaze-Manöver auf die riesigen Greifvögel. Diese jedoch lassen sich von dem Zirkus überhaupt nicht beeindrucken und fliegen seelenruhig weiter. Erst im letzten Moment der Attacke legen sie ihre Flügel an, lassen den Ansturm der Krähen vorbeiziehen und breiten ihre Schwingen wieder aus. Nach dem Motto: War da was? So einfach geht das also.

Bewusstes Atmen besänftigt und beruhigt den Ärger, und Achtsamkeit durchdringt ihn.“
Thich Nhat Hanh

Das sei wie das Aufdrehen eines Heizkörpers: Etwa eine Viertelstunde braucht es, bis sich die wärmende Luft ausgebreitet hat und im Raum eine Verwandlung geschieht. Und Thich Nhat Hanh sagt auch, dass Wut der Schönheit so gar nicht gut bekäme. Ein Lächeln dagegen würde die Gesichtsmuskeln entspannen und uns viel attraktiver machen. Als Frau überzeugt mich dieses Argument sofort, ohne wenn und aber. Schließlich ist es nicht so, dass man ab einem gewissen Alter sagt „Ach, eine Falte mehr oder weniger, darauf kommt es auch nicht mehr an.“ Nö, so ist es absolut nicht. Und auf keinen Fall will ich wegen besagtem Nachbarn Linienzuwachs verbuchen, kommt nicht in Frage! Also Kriegsbeil wieder begraben und meiner Tochter nehme ich die High Heels weg. Ist ja schon gut …

 

dtmg

  • Spüre ich Ärger aufkeimen, nehme ich mir bewusst Zeit für eine Atemübung.
  • Ich atme tief ein und spüre dem Ärger nach, dann atme ich lange aus und lasse ihn los.
  • Indem ich dem Gefühl des Ärgers auch körperlich nachspüre, nähere ich mich den Emotionen, die dem Ärger zu Grunde liegen.

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