Weghören nicht nur mit den Ohren

„Zwei mal drei macht vier, widewidewitt und drei macht neune, ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt.“ Wir alle lieben sie noch aus Kindertagen, Pippi Langstrumpf, diesen quirligen Freigeist, die einfach das macht, was ihr gefällt. Beneidenswert! Vielleicht habe ich mir deswegen auch begeistert den Kinofilm „Fack ju Göthe“ angeschaut: Eine Art Pippi-Story, denn die Lehrmethoden des Aushilfslehrers Zeki Müller sind alles andere als konventionell. Trotzdem erntet er Anerkennung und letztendlich fliegen ihm sogar die Herzen seiner Kritiker zu. Der Film war ein Kassenshit und morgen steht Teil Zwei auf unserem Wochenend-Programm. Denn genau das möchten wir doch auch: Tun und lassen was uns gefällt, ganz egal, was die Leute reden.

KW37-2015

Sobald wir darauf achten, was andere von uns denken, sind wir nicht mehr achtsam bei uns.

Kennt ihr noch diesen Satz von früher: „Was werden denn die Nachbarn dazu sagen.“ Solche oder ähnliche Ermahnungen haben die meisten mit auf den Weg bekommen. Heute schreibe ich euch eine kleine Geschichte dazu, die mir einer meiner Sprachschüler diese Woche erzählte. Es geht um den Spaßvogel Goha, sozusagen das arabische Pendant zum deutschen Eulenspiegel. Ich weiß, dass mein Schüler bei seiner Erzählung die Geschichte etwas abgewandelt hat, aber so gefällt sie mir besser. Also los …

Vater, Sohn und Esel gehen in der Mittagshitze nebeneinander auf staubiger Straße. Als die Leute sie sehen, lachen sie: „Wie kann man nur so dumm sein, wozu hat man einen Esel, wenn er einen nicht trägt.“ Also hebt der Vater den Sohn auf den Esel und sie marschieren weiter. Da empören sich die Leute erneut: „Unverschämt, thront der Bengel auf dem Esel und der alte Mann muss laufen.“ Somit wechseln sie die Position: Vattern rauf auf den Esel, Sohn trottet nebenher. Aber wieder das Reden der Leute: „Wie herzlos der Alte, sitzt dort bräsig auf dem Vieh und der Kleine muss rennen.“ Schließlich stärken Vater und Sohn sich mit Wasser, packen den Esel an den Beinen und tragen ihn auf ihren Schultern. Da lachen die Leute: „Seht euch die Deppen an, wie verrückt kann man nur sein.““

Man kann es nie allen recht machen.

Je mehr ich versuche, allen gerecht zu werden, desto weniger mache ich es mir recht und desto weiter entferne ich mich von mir. So kann ich nur meine eigenen Wünsche nicht wahrnehmen. Warum lasse ich nicht los und gönne mir die Freiheit so zu sein, wie ich es will? Weil all die vermeintlichen Erwartungen und Meinungen der anderen an mich im Grunde meine eigenen Vorstellungen von mir selbst sind: Wie ich meine, sein zu müssen, um geliebt und wertgeschätzt zu werden. Würde man mich denn anders nicht mögen?

Was wir denken, was die anderen über uns denken, denken wir über uns selbst.

Wir gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Ja, wir belügen uns sogar selbst. Bei ehrlicher Betrachtung erkenne ich, dass ich nur deswegen auf das Urteil anderer Wert lege und mich ausrichte, weil ich nach Anerkennung lechze. Klar, je älter ich werde, desto souveräner stehe ich über gewissen Dingen – wenigstens ein Vorteil des Alterns. Aber zum Beispiel die Sache mit dem Beruf: Es gab Zeiten, da hatte ich keinen Job und mich nur um die Kinder gekümmert. Nicht aus Überzeugung, sondern weil keine Projekte anfielen, die ich ansonsten liebend gerne übernommen hätte. Ihr ahnt es schon: Mir war es peinlich, dies zu erzählen. Noch schlimmer: Selbst ohne finanziellen Druck konnte ich nicht einen Tag davon so richtig genießen. Dabei hat niemand je zu mir gesagt, es sei verwerflich, mit zwei Kindern nicht zu arbeiten. Eine liebe Freundin von mir hat nur ein Kind, arbeitet nicht und genießt das Leben. Das ist der Unterschied. Ich beneide sie um diese Haltung, gönne es ihr vom Herzen und trotzdem blitzt manchmal etwas Abwertendes gegenüber ihrem Lebensstil in mir auf. Ich schäme mich dafür. Das bin nicht ich, sondern es sind meine eingepflanzten Gedankenmuster.

Andere müssen nicht einmal urteilen, wir nehmen ihnen das Urteil über uns gedanklich ab.

Wie oft zum Beispiel fühlt ihr euch als Rabeneltern sobald ihr etwas mehr Zeit für euch selbst beansprucht? Da muss nicht einmal jemand etwas sagen, dieses Gefühl poppt von alleine auf. Wir tragen Urteile und Vorurteile in uns und sind wir nicht achtsam, äußern wir diese nicht nur in Bezug auf andere, sondern halten uns selbst damit klein.

Weiterhin in Mission Achtsamkeit unterwegs, habe ich ein Experiment angefangen. Das müsst ihr unbedingt auch ausprobieren, hat enorme Wirkung. Seit einer Woche habe ich mir strikt verboten, über andere zu lästern oder mich an Lästereien zu beteiligen.

Wenn ein Gegenstand hart und zerbrechlich ist wie Glas, dann wird er leichter kaputtgehen, als wenn er nachgiebig ist. Ein Wenig „Spiel“ in dein Leben zu bringen, ist eine wunderbare Befreiung von all dem Druck …“
Aus: „Erleuchtung jeden Tag“, Gyalwang Drukpa

Eine hautenge Tigerleggings zu knappem Spitzentop und das mit knapp Achtzig? Na und, ist doch großartig, dass die Frau Spaß daran hat. Muss das sein, dass der Kollege bei seiner mittlerweile vierten Hochzeit wieder das komplette Programm mit Gottes Segen abspult? Unbedingt, wenn es ihm Freude bringt. Ich stelle fest, je weniger ich schlecht rede und je mehr Freiheit ich meiner Umwelt zugestehe, desto freier fühle auch ich mich. Meine Zwänge lockern sich, ich werde gleichgültiger gegenüber dem Urteil der anderen und bin mir selbst gegenüber toleranter.

Schlechte Rede über andere beginnt immer bei uns selbst.

So wie ich die Welt verstehe, ist unser Geist der Schöpfer aller Dinge.“

Da gebe ich seiner Heiligkeit Gyalwang Drukpa absolut Recht. Ich werde meinen Geist mal etwas entrümpeln, damit er die Freiheiten erkennt, die sich mir täglich zeigen und die in mir schlummern. Denn indem ich achtsam meine Gedanken von Urteilen und Wertungen befreie, befreie ich letztendlich mein Herz und öffne es für Liebe und Vertrauen.

 

dtmg

  • Achtsam vermeide ich es, über andere zu lästern.
  • Versuchen Kollegen oder Freunde mich in Lästereien hineinzuziehen, gehe ich nicht drauf ein, halte mich raus oder wechsle das Thema.
  • Erwische ich mich dabei, wie ich überlege, was andere wohl über mich denken, atme ich mehrere Male bewusst tief ein und aus und nehme über den Atem wieder Verbindung zu mir auf: Ich erspüre achtsam mein Körpergefühl.

Noch Fragen?

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