Hygiene der Gedanken

Mit zwei pubertierenden Kindern und einem Junghund in der Rüpelphase bin ich abends platt. Manchmal habe ich das Gefühl, meine täglichen Quälgeister hätten nur bunte Knete im Kopf und am Abend ist mein Kopf ebenfalls wie durchgewalkt. Ich fühle mich träge, alt und ausgelaugt. Manchmal stehen mein Mann und ich beim Zähneputzen nebeneinander im Bad und schauen in den Spiegel: Ob wir ohne Kinder genauso fertig aussehen würden? Liebevolle Akzeptanz hat nichts mit Falten und müden Augen zu tun. Dennoch wäre mein Blick auf mich wohlwollender, wäre ich ausgeruhter. Vielleicht sollte ich frischere Gedanken denken. Denn laut der Havard-Professorin Ellen Langer (www.ellenlanger.com), die sich seit Jahren mit „mindfullness“ (Achtsamkeit) beschäftigt geht es vor allem um unsere Denken.

Mit Mindfulness meint sie, sensibel zu werden: dafür, ob das, was ich über mich und die Welt denke, auch tatsächlich so ist.“
aus einem Interview

Na ja, ich denke schon, dass meine Kinder bei mir im Laufe der Jahre Spuren gelassen haben. Der Blick in den Spiegel bestätigt es. Ist das jetzt eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung? Andererseits heißt es doch immer: Kinder halten jung. Ja, was denn nun? Sehe ich nur mehr Falten, weil meine Gedanken so negativ gefärbt sind? Sähe ich ohne Kinder jetzt tatsächlich anders aus? Das kann ich ja nicht wissen. Oder fehlt es mir schlichtweg an Selbstliebe, daran, die Dinge einfach so anzunehmen, wie sie sind? Ein Lächeln in den Spiegel und alles ist glatt?

Unsere Gedanken entscheiden, was wir wie sehen.

Unsere Gedanken entscheiden, was wir wie sehen.

Frau Langer hat jedenfalls interessante Experimente gemacht: Sie lud für eine Woche eine Gruppe älterer Herren in ein ehemaliges Kloster in New Hampshire ein. Dort war alles so hergerichtet wie zu der Zeit, als die Herrschaften noch zwanzig Jahre jünger waren: entsprechend alte Bücher und Zeitschriften, längs vergessene Fernsehserien und auch am Abend wurden die Probanten dazu aufgefordert, zeitgenössische Themen von vor zwanzig Jahren zu diskutieren, als wären sie hoch aktuell. Außerdem mussten sie sich selbst versorgen, kochen und den Abwasch erledigen. Tatsächlich: Am Ende dieser Zeitreise waren die Herren fitter: besseres Seh-, und Hörvermögen und körperlich und geistig mehr Beweglichkeit. Vielleicht haben wir kochenden Frauen da einen Vorteil? :-)

Unser Geist hat einen wesentlichen Einfluss auf unsere körperliche Gesundheit. Unsere geistige Haltung und damit eng verbunden unsere Gedanken sind wesentlich für unserer körperliches Wohlergehen.“

Ich sollte meine Gedanken besser pflegen, sprich achtsamer beobachten. Leider kann ich mich nicht mal eben Jahrzehnte zurück in meine Single-Zeit beamen. Obwohl….. Am Wochenende hatte ich mit meiner Tochter zu ABBA Karaoke gesungen. Wir tanzten zu „super trouper“ vor ihrer Spiegelwand. Zugegeben, ich fand mich extrem alt im Vergleich zu ihr (Welch Wunder, ich bin 38 Jahre älter. :-) ) Doch ich war mit mir im Reinen und spürte jede Menge Lebensfreude. Mit zwölf Jahren hatte ich ebenfalls zu ABBA gesungen, damals noch mit dem Micro meines Kassettenrecorders. Da kamen Erinnerungen hoch. So am „Abrocken“ mit meiner Kleinen war einfach alles gut und ich fühlte mich jung.

Unsere Gedanken entscheiden, ob wir etwas positiv oder negativ werten. In der Achtsamkeit erkennen wir den Moment der freien Wahl.“

Professor Langer untersuchte 2007, inwieweit unser Denken zum Beispiel Einfluss auf unser Körpergewicht hat. Als Probanten dienten zwei Gruppen Zimmermädchen, wobei bei der einen Gruppe der Damen ihr Job als Fitnesstraining umdefiniert wurde. Betten beziehen und Bäder wischen sollten sie als eine Art Sport betrachten. Und siehe da, nach vier Wochen hatten die Teilnehmerinnen dieser Gruppe ein Kilogramm abgenommen.

Was wir sehen, hängt davon ab, worauf zu achten wir gelernt haben. Mindfulness bedeutet: in dem, was wir bereits zu kennen glauben, etwas Neues entdecken.“
aus einem Interview

Ich finde, dass Achtsamkeit sozusagen noch einen Schritt davor beginnt: nämlich überhaupt erst einmal Gedanken zu erkennen. Wahrzunehmen, was in meinem Oberstübchen los ist und dieses aus einer Distanz komplett wertfrei zu betrachten. Beobachte ich meine Gedanken mit etwas Abstand und spüre dann – und das ist absolut wichtig – in mich hinein, was diese distanzierte Haltung meinen Gedanken gegenüber mit mir macht, entwickelt sich eine Mitgefühl. Liebevoll kann ich nun erkennen, welch absurder Gedankensalat mich traktiert.  Und statt mich selbst für derartig destruktive Gedanken zu verurteilen, belächle ich diese aus einer mitfühlenden Haltung heraus. Ich glaube, dass sich bereits aus dem achtsamen Erkennen der Gedanken eine Änderung der Haltung ergibt. Und zwar insofern, dass mich die Negativität nicht länger im Griff hat.

Akzeptiere ich meine negativen Gedanken voll Mitgefühl und Liebe löst sich die Negativität auf und verliert an Gewicht.“
Gedanken der Dankbarkeit befreien von Zwängen und erweitern unseren Blickwinkel.

Gedanken der Dankbarkeit befreien von Zwängen und erweitern unseren Blickwinkel.

Denn mal ehrlich: Ob ich beim Blick in den Spiegel nun Falten erkenne oder nicht, im Grunde komplett unwesentlich, denn ich habe wundervolle Kinder und einen tollen Hund. Mit dem muss ich viel spazieren gehen, daher bleibt mir so gut wie keine Zeit mehr für Sport. Natürlich könnte ich jetzt versuchen, die Gassigänge als sportliches „Walken“ anzusehen. Doch die Freude des herumtollenden Vierbeiners, die frische Luft und die Natur, die ich in der Zeit genießen darf, all das erfüllt mich mit Dankbarkeit und vertreibt automatisch den zwanghaften Gedanken, mehr Sport machen zu müssen. Mir geht es gut, so wie es ist, warum nicht einfach mal das Gute in dem was ist erkennen?

Mindless automata“ nennt Langer jene Überzeugungen, die unser Leben steuern, ohne dass wir es bemerken – als seien wir darauf programmiert, fremde Gedanken ungeprüft zu übernehmen.“
aus einem Interview

Sobald ihr achtsam seid, entdeckt ihr sicherlich auch jede Menge solcher Überzeugungen, die ihr eventuell völlig ungefragt übernommen habt. Dese Gedanken zu entlarven und sich davon zu verabschieden ist wichtig. Genauso wichtig ist es jedoch, diese Gedanken nicht zu verteufeln, sondern sie mit einem liebevollen Blick ziehen zu lassen. Mein klares Statement zur Achtsamkeit lautet jedenfalls wie folgt:

Ich will mich mit Achtsamkeit nicht unter Druck setzen zwecks Optimierung. Ich möchte mithilfe von Achtsamkeit die Liebe und Fülle, die mich bereits umgibt, bewusst wahrnehmen. Denn dann verändert sich mein Blick wie von selbst und vieles löst sich ganz ohne Anstrengung, weil es nicht mehr wichtig ist.

 

dtmg

  • Erkenne ich negative Gedanken, die mich zum Beispiel unter Druck setzen, stelle ich mir vor, sie seien kleine schwarze Wolken am Himmel. Ich betrachte sie und lasse sie ziehen.
  • Ich achte bewusst auf schöne Momente des Tages: Sobald mich etwas erfreut, nehme ich diese Freude bewusst in mir auf und spüre ihr mindestens 20 Sekunden nach.
  • Ich mache aus schönen Tatsachen (blühende Blumen, strahlender Sonnenschein) schöne Erfahrungen, indem ich diese Tatsachen für einen achtsamen Moment verinnerliche.

Noch Fragen?

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