Verzeihen, vergeben und sich treu bleiben

Das ist doch wieder typisch: Die Bayern, Baden-Württemberger und die Sachsen konnten sich in dieser Woche einen faulen Lenz machen, während wir hier oben im Norden fleißig malochen mussten. Am Mittwoch war Tag der Heiligen Drei Könige und in Hamburg wurde trotz des Aufmarschs der biblischen Monarchen fleißig gearbeitet. Keine Sternensingerkinder, die um die Häuser zogen und auch kein „Galette des Rois“, ein aus Blätterteig gebackener Dreikönigskuchen, der in Frankreich und in der Schweiz traditionell am Dreikönigstag verspeist wird. Bei mir bräunt übrigens auch gerade ein Kuchen im Ofen, jedoch hat der nichts mit Caspar, Melchior und Balthasar zu tun – wäre ohnehin zu spät – sondern mit Rosalina, meiner Tochter. Ein Kuchen der Vergebung, denn es gab Streit und ich war ziemlich doof. Jetzt tut es mir leid.

Wörtlich bedeutet der Satz „Es tut mir leid“, dass uns eine Sache Leiden beschert, dass wir leiden, weil wir eine Schuld auf uns geladen haben.

Meine Tochter war schlecht gelaunt, maulte herum. Statt sie gar nicht zu beachten, bin ich voll eingestiegen. Klar, dass die Situation eskalierte. Und jetzt leide ich. Meine Tochter tut mir leid, weil ich sie so heftig angemotzt habe. Deshalb gab es bereits beim Frühstück Tränen und sie ist somit wütend zur Schule geradelt. Und ich tue mir selber leid, weil ich jetzt mit schlechtem Gewissen am Computer hocke und an die kleine Wuthummel denke. Kurs gesagt: Meine Laune ist im Keller. Ich fühle mich schlecht.

Worte und Taten der Wut verletzten in erster Linie dich selbst.“
Thich Nhat Hanh (aus: „Nimm das Leben ganz in deine Arme“)

Im Nachhinein erkenne ich, dass ich heute früh nur deshalb so ungehalten war, weil wir verschlafen hatten. Ich war genervt wegen des Zeitdrucks. Mein Sohn ist immer ratz fatz fertig, nur typisch Mädchen, braucht Rosalina länger: Die Haare müssen noch hübsch frisiert und ein passendes Outfit ausgewählt werden, grrrr, als Mutter eine Geduldsprobe, die ich normalerweise zeitlich mit einkalkuliere. Nur eben nicht heute. Und jetzt bricht es mir das Herz, weil ich mich in Rosalina hineinfühle. Mit Tränen des Unverstandenseins auf ihrem noch etwas zu großem Fahrrad, den schweren Ranzen auf dem Rücken und auf dem Kopf der gelb geblümte Helm. Mein Mann würde jetzt nur den Kopf über mich schütteln, aber so bin ich eben.

Was sich in unserem Geist abspielt, hat möglicherweise größeren Einfluss auf unser Wohlergehen als das, was wir in einem gegebenen Moment tatsächlich tun und erfahren.“
Jon Kabat-Zinn (aus: „Gesund durch Meditation“)

Nein, ich werde hier nicht über Kindererziehung, über Konsequenz und weiches Mutterherz schreiben. Vielleicht schaffe ich es auch gar nicht, genau das rüberzubringen, worum es mir geht. Ich versuche es einfach: Zurück zu dem Bild meiner weinenden Tochter auf dem Fahrrad. In ihr sehe ich mich selbst als Kind. Ich habe geistig das Bild von damals vor Augen, wie auch ich mich manches Mal missverstanden fühlte und somit alleine mit meinem Schmerz von Dannen zog. Das bricht mir das Herz, denn ich spüre im Grunde noch einmal genau die Gefühle von damals. Ich habe Mitgefühl und dieses Mitgefühl führt mich an den Schmerz von früher heran. Der hat nichts mit meiner Tochter zu tun, hierbei geht es nur um mich, um die kleine Jutta aus Kindertagen.

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Im Mitgefühl spüren wir häufig Verletzungen oder Trauer aus vergangenen Zeiten. Gefühle, die tief in uns schlummern, verdrängt und verschüttet, aber immer noch da.

Erst wenn ich achtsam wahrnehme und diese Gefühle zulasse und anschaue, kann ich auch erkennen, woher diese Gefühle kommen und was sie mit der aktuellen Situation zu tun haben. Bei mir nämlich gar nichts. Ich fühle mich jetzt nur deshalb so schuldig und voller Leid, weil ich die Gefühle von damals noch einmal erlebe.

Aber solange wir unsere Wunden nur bedeckt halten oder ignorieren, anstatt sie zu heilen, werden wir mit all unseren Versuchen der Kompensation weder Ganzheit noch Gesundheit erlangen.“

Jon Kabat-Zinn (aus: „Gesund durch Meditation“)

Indem ich bei dem Anblick meiner Tochter mitgefühlt habe, schwappten eigene Erfahrungen hoch, die mich sofort emotional übermannt haben. Durch mein Mitgefühl habe ich also alte Wunden bei mir entdeckt. Das ist doch eigentlich super. Jetzt kann ich mir selber Mitgefühl und schenken und diese Wunden von damals mehr und mehr heilen. Erst dann bin ich auch in der Lage, klar zu sehen: Streitereien mit Kindern auf der Schwelle zur Pubertät sind komplett normal. Und hätte ich mich nicht so von dem „Leid“ meiner Tochter hineinziehen lassen, hätte ich auch echtes Mitgefühl aufbringen können.

Mitgefühl bedeutet immer auch, bei sich zu bleiben. Man fühlt für den anderen mit in dem Bewusstsein, dass es hier um die Gefühle des anderen geht, nicht um die eigenen.

Was bedeutet das jetzt konkret für meinen Vormittag am Computer und dem mittlerweile gefährlich dunkel gefärbten Kuchen im Ofen? Erst einmal rette ich das Backwerk und dann verzeihe ich mir selbst. Ich war doof zu meiner Tochter, aber nur, weil mich ihr Verhalten antriggerte und ich sofort in einen alten Film schlitterte. Jawohl, ich verzeihe mir meine absolut nicht erwachsene Reaktion. Und ich schenke mir ein wenig Mitgefühl. Beim nächsten Mal werde ich achtsamer bei mir bleiben, hoffentlich rechtzeitig erkennen, was sich bei mir innerlich abspielt, um dann gelassener die Situation zu meistern. So kann ich auch wahres Mitgefühl aufbringen, denn natürlich ist es ärgerlich, wenn die Eltern morgens verschlafen.

Loslassen heißt zulassen. Es bedeutet, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind.“
Jon Kabat-Zinn (aus: „Gesund durch Meditation“)

Da hat Jon Kabat-Zinn absolut recht: Mir geht es schon viel besser und ich kann endlich loslassen. Mitfühlend mit mir selbst werde ich mir jetzt ein Stück des herrlich duftenden Kuchens gönnen und der Rest wird heute Nachmittag mit den Kindern verputzt.

 

dtmg

  • Achtsam halte ich in kritischen Situationen inne, um genau zu spüren, was ich fühle und woher diese Gefühle kommen.
  • Ich verzeihe mir Situationen, in denen mich schmerzvolle Gefühle aus der Kindheit überrollt haben und nehme diese liebevoll an.
  • Ich achte bewusst darauf, im Mitgefühl nicht meine Gefühle mit den Gefühlen des anderen zu vermischen.

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