Die Illusion von Freiheit

Ciao! – Ich melde mich aus Italien, wo ich Pasta und Vino genieße. Klischee kann auch sehr schön sein. Endlich Ferien vom Alltag, jedoch nicht von der Achtsamkeit. Im Gegenteil: Wenn nicht hier – losgelöst sämtlicher Verpflichtungen – wo dann finde ich die Muße dafür. Im wuseligen Alltagstrott ist Achtsamkeit schon eine Herausforderung, sozusagen die Kür. Hier bestreite ich Basisarbeit. Natürlich meditiere ich nicht nonstop auf meiner Liege – wer von euch Kinder hat weiß, dass mit zwei solchen Exemplaren im frühpubertären Stadium nicht immer alles Sonnenschein ist. Dennoch bleibt genügend Ruhe. Zeit zu reflektieren, eine Art Bestandsaufnahme: Was hat sich in den letzten Wochen der Achtsamkeit bei mir verändert?

KW30-2015

Achtsamkeit führt zu innerer Freiheit.

Das ist mein Ziel. Wobei ich mehr und mehr verstehe, dass dies kein Endziel ist. Es ist eine Entwicklung bis zum Schluss. Selbst Etappenziele kann ich schwer ausmachen. Ich muss schon sehr achtsam sein, um Veränderungen wahrzunehmen. Heute Morgen zum Beispiel: Vor dem Frühstück schwimme ich gerne ein paar Bahnen, denn um diese Zeit habe ich den Pool noch für mich alleine. Wir sind nicht zum ersten Mal hier, ich kenne das. Plötzlich jedoch beobachte ich mit Freude das Lichtspiel der Sonne auf der gekräuselten Wasseroberfläche. Ich schaue vom Beckenrand über die Hügel der Weinberge und bin erfüllt von Dankbarkeit und Glück. Das hört sich super kitschig an, oder? Ich stehe dazu, Kitsch hin, Kitsch her, es ist großartig.

Das Leben besteht aus Augenblicken“
Aus „Gesund durch Meditation“, Jon Kabat-Zinn

Das ist wahr. Und im Alltag erlebe ich neuerdings derartige Momente bewussten Erlebens immer öfter. Die Tage fühlen sich intensiver an, leuchtender und kraftvoller, dabei hat sich äußerlich nichts geändert. Jon Kabat-Zinn schreibt, dass Achtsamkeit uns den Wechsel vom „Aktionsmodus in den Seinsmodus“ lehrt. Ob ich bereits mehr „bin“, das weiß ich nicht. Ich fühle mich selbstbestimmter und damit ein wenig freier. Könnte es sein, dass ich nicht mehr bei jeder Fahrt meines Gedankenkarussells aufspringe?

Wir wollen unseren Willen der Freiheit übergeben, wir wollen zeitweilig Taoisten sein.“
Aus: „Wie wir sind“, Vincent Deary

Die frühen chinesischen Philosophen sahen die ideale Lebenshaltung im Nicht-Handeln – im Wu wei. Hier geht es nicht um das Nichtstun. Sondern darum, auf natürliche Weise das Richtige zu machen. Wie eine Blume, die ohne zu überlegen der Sonne entgegenwächst. Diese Freiheit möchte ich auch erlangen: mühelos wissen, wie ich handeln muss, um mich ebenfalls der Sonne entgegenstrecken zu können.

Mich von meinen inneren Zwängen befreien, keine Grübeleien, sondern ein erfüllendes Wissen: So ist es gut – das nenne ich Freiheit.

Vielleicht erlebt ihr dieses Gefühl der Freiheit auch erst im Urlaub. Nur ist ja nicht das ganze Jahr über Urlaub. Und dann ist es auch nicht so, dass man sofort genießen kann. Manchmal dauert es sogar Tage, bis man wirklich mit allen Sinnen im Urlaub ankommt. In Bezug auf Freiheit geht es mir jedoch noch um etwas anderes: Wie ein kleines Kind sich vertrauensvoll auf dem Arm der Mutter tragen lässt, genauso vertrauensvoll möchte ich vom Leben getragen werden. Ist das zu viel verlangt?

Wir wünschen uns manchmal eine Umgebung, in der bereits für uns gedacht worden ist. Es denkt, also müssen wir nicht mehr denken.“

So beschreibt Vincent Deary unseren zeitweiligen Wunsch nach Wu wei, dem „Nicht-Handeln“. Hier in Italien kein Problem, denn unser gewohntes Urlaubsprogramm führt mich entspannt durch den Tag: Baden, lesen, Ausflüge und abends kulinarisch den Tag ausklingen lassen. Ich überlasse mich vertrauensvoll diesem Ablauf. Ausnahmezustand. Im Alltag oder in Bezug auf die großen Fragen des Lebens fehlt mir der Masterplan. Ich glaube dieser Wunsch, sich vertrauensvoll überlassen zu können, den möchte ich mir mit Achtsamkeit erfüllen. Mein Herz soll mich leiten und nicht mein ruheloser Verstand.

Wir wollen auf einer Fahrt mitgenommen werden, die Eigenverantwortung abgeben, eine Weile dem Willen entsagen zugunsten von etwas, das uns ohne unser bewusstes Zutun bewegt.“

Nach Vincent Deary fordern wir genau dies von unserer Freizeit. Wenn ihr zum Beispiel einen Sonntagsspaziergang durch den Park macht, folgt ihr ohne zu überlegen den angelegten Wegen, von Landschaftsarchitekten für das genussvolle Erleben der Natur ausgeklügelt. Ihr trampelt nicht quer über Beete oder Rasenflächen, davon gehe ich jetzt einfach mal aus. Ich würde mich auch freuen, wenn meine Achtsamkeit mich zukünftig selbstverständlich auf Pfade führt, die mir Glück und Zufriedenheit bescheren. Ich stelle mir das in etwa so vor: Je vertrauensvoller ich auf diesen achtsamen Wegen spaziere, frei von Gedanken des Zweifels, desto offener werde ich all das Schöne erkennen, das sich am Rande zeigt. Und selbst nicht so Schönem begegne ich angstfrei, denn der Pfad unter meinen Füßen trägt mich. Das ist meine Idee von Freiheit.

Achtsames Erkennen ist der Schlüssel für das Vertrauen in die Welt.

Ich hoffe, ihr seht es mir nach, dass ich euch diese Woche ein wenig „far niente“ vorgeschwärmt habe. Ist nicht nett, zumal dann, wenn ihr meinen Blog im Büro lest. Sorry, liegt an der Bilderbuchlandschaft hier. Daher auch mein Geschwafel, was ich mir alles wünsche. Obwohl … so klar wie heute Morgen im Pool habe ich meine Umwelt lange nicht gesehen. Letzten Sommer zog ich achtlos meine Bahnen, gedanklich bereits bei Cappuccino und Gelato, süße Belohnung der morgendlichen Leibesbetätigung.

Bevor ich mich jetzt erneut irgendwelchen Träumereien hingebe, widme ich mich lieber dem Weltlichen: Die Sonne sinkt, Zeit für Pasta und ein Gläschen Vino.

dtmg

  • Ich lasse mich im Wasser treiben und fühle meinen Körper: fast schwerelos trägt er meine Beine und Arme.
  • Komme ich zur Ruhe, lege ich bewusst das Gewicht meines Körpers ab: beginnend bei den Füßen bis hoch zum Kopf.
  • Ich notiere mir die Veränderungen, die sich durch mein achtsames Erleben eingestellt haben. Durch das Schreiben spüre ich noch einmal nach.

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