Es tut gut, öfter mal aus dem Rahmen zu fallen

Noch ist Frühjahr, wenn auch im Endstadium. In wenigen Tagen beginnt offiziell der Sommer. Somit bin ich spät dran, egal, ich lege los: auslüften, ausmisten, wegschmeißen. Um den Frühjahrsputz in der Wohnung habe ich mich mit Scheuklappen vorbeigeschlängelt. Diese Dinger nützen mir jetzt jedoch wenig, denn es geht um die inneren Räume. Warum mich dieser späte Putzalarm aufschreckt? Weil ich eine schlaflose Nacht hinter mir habe. Innere Freiheit, Entfaltung meiner Persönlichkeit – das sind nur einige der Themen, wegen derer ich heute früh dunkle Schatten unter meinen Augen überschminken muss. Ich fang am besten mal von vorne an:

Konditionierungen setzen uns einen engen Rahmen.

Genauso ist das nämlich. Und das wurde mir gestern Abend erschreckend deutlich bewusst. Ich war auf einer Lesung. Ist vielleicht nicht so euer Ding, aber ich mag das. Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt tourt mit ihrem Roman „Die gleißende Welt“. Keine Sorge, das wird keine Buchkritik, jedoch faszinierte mich bei dem Interview mit der Autorin ein bestimmter Gedanke. (Ja, selbst in einem Theatersaal lässt mich das Thema Achtsamkeit nicht mehr los, demnach wirkt es schon.) Der Roman spielt in der Kunstszene und es wurde darüber diskutiert, wie sehr ein Rahmen das Bild prägt. Das gleiche Bild in einem schweren, goldenen Barockrahmen wirkt beispielsweise komplett anders in einem leichten Alurahmen. Die Aussage des Bildes bleibt zwar unverändert, dennoch entfaltet sie sich unterschiedlich in Abhängigkeit von der Rahmung.

Das fand ich spannend. Wie ist das eigentlich bei uns, dachte ich.

Transportiert ihr das, von dem ihr meint, dass es euch ausmacht, in eurem Leben nach außen?

Schafft ihr das? Oder hindert euch der Rahmen daran, in den euch der Alltag und euer Lebensmodell stecken? Ich jedenfalls habe manchmal das Gefühl, mit einer Art angezogener Handbremse durchs Leben zu fahren. Dann reagiere ich gereizt oder fühle mich traurig, weil scheinbar niemand erkennt, was in mir rumort. Jetzt denke ich jedoch: Hey, es liegt an dem Rahmen. Ich muss nur diesen Rahmen ein wenig sprengen und schon wird sich meine Botschaft, meine Essenz, ja, mein Ich, entsprechend entfalten.

Schließlich bin ich selbst die Künstlerin meines Lebens!

Somit lag ich heute Nacht wach und habe meine Rahmenbedingungen abgeklopft: Ich habe einen Job, der mir Spaß bringt, eine Familie, die mich erfreut und manchmal entsetzlich nervt, das ist normal, und Freunde, mit denen ich nette Dinge unternehme. Passt doch. Natürlich erfordert mein Lebensmodell Kompromisse, aber damit kann ich leben – meistens jedenfalls. Dieser offensichtliche Rahmen passt also zu meinem Inneren ganz gut. Da war ich beruhigt. Dachte ich, denn diese Erkenntnis wirft mich wieder dahin zurück, wo ich gestartet bin. Wohl oder übel musste ich mich somit nächtlich in die Tiefen meines Inneren wagen: In das Verlies meiner Konditionierungen. Jawohl, denn innerlich zwänge ich mich in einen Rahmen, der mir nicht gut tut.

Ein innerer Rahmen gezimmert aus Sätzen wie „ich muss“ und „ich darf nicht“.

Mein Rahmen scheint aus massivem Eichenholz zu bestehen, wie sonst konnten diese Parolen so lange Bestand haben? Und plötzlich waren sie alle da, die bekannten Sätze: Als Mutter muss ich für alle stets ein offenes Ohr haben, ich muss im Job kompetent und engagiert dastehen und als Frau natürlich sexy, sportlich und optisch mindestens um zehn Jahre jünger aussehen. Ich sage euch, das ist extrem anstrengend. Ich darf nicht schlapp machen, ich darf nicht einfach sagen „Ihr könnt mich alle mal …“, ich darf mich nicht gehen lassen und auf einer Party darf ich nicht einmal mundfaul in der Ecke stehen. Wie macht ihr das bloß?

In den Morgenstunden dann die Idee: Wie wäre es, diesen Rahmen vielleicht nicht gleich zu sprengen, aber wenigstens zu entstauben oder neu zu streichen? Das wäre ein Anfang. Für den buddhistischen Mönch Meister Han Shan bedeutet innere Freiheit:

… das Loslassen von falschen Vorstellungen, Erwartungen, Konditionierungen und Manipulationen, die unsere Gesellschaft, unsere Kultur, unsere persönliche Geschichte und Erfahrung mit sich bringen.“
Aus: Achtsamkeit – Die höchste Form des Selbstmanagements

Mein „Bild“, da bin ich mir sicher, würde sich in einem anderen Rahmen wesentlich strahlender und leuchtender entfalten.

Noch einmal zurück zu der durchwachten Nacht: Mich trieb ebenfalls die Einsicht um, dass ich mich ziemlich abrackere, um nach außen souverän und locker zu wirken, während ich innerlich meine Konditionierungen gar nicht mehr wahrnehme. Oder seid ihr euch täglich bewusst, welche Sätze euch fest im Griff haben? Alles easy und eben doch nicht. Denn Pustekuchen, innerlich scheure ich mir meine Ellbogen an meinen Rahmen wund, nur bin ich mittlerweile ziemlich schmerzfrei geworden. Das erschreckt mich. Und diese zwei „ich muss“- und „ich darf nicht“- Sätze sind ja erst der Anfang. Ich weiß nicht, was es bei euch noch alles so gibt, aber ich könnte mächtig nachlegen. Würde ich das wagen, wäre das wie der Griff in ein Wespennest.

Aber gut, ohne Achtsamkeit hätte ich zwar besser geschlafen, aber nicht den Elan, endlich genau zu schauen, was für mich passt.

Achtsam zu erkennen: Stopp, hier folge ich einer Konditionierung, ich kann auch anders.

Und falle ich irgendwann aus dem Rahmen, prima, dann ist das der richtige Weg. Weiter so mit dieser Aufräumaktion, bis zum nächsten Frühjahr bin ich damit lange nicht durch.

 

dtmg

  • Ich achte bewusst auf innere Sätze mit „Ich muss“ und „Ich darf nicht“.
  • Ich wandele diese Sätze dann für mich um:
„Ich darf, wenn ich möchte“ und „Ich erlaube mir“.
  • Ich nehme mir ein wenig Zeit und schreibe die gesellschaftlichen Erwartungen auf, denen ich zu entsprechen versuche. Durch das Aufschreiben bekomme ich bereits ein wenig Abstand dazu.

Noch Fragen?

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