Zurück ins Jetzt beamen

Ja ist denn schon Weihnachten? Beim Gang durch den Supermarkt geleiteten mich einfältig lächelnde Schokoladenweihnachtsmänner und Lebkuchen durch die Gänge. Ach nö, das ist doch viel zu früh! Ich bück mich noch nach Kastanien und pule Bucheckern aus der Schale – süße Kindheitserinnerung. Da haben wir es auch schon: Die Werbung weiß genau, wie man uns, sprich unsere im Unterbewusstsein gespeicherten Sehnsüchte und Erfahrungen anspricht. Natürlich kaufe ich noch keinen Schoko-Nikolaus, das geht doch gar nicht! Aber ich erwische mich, wie ich statt Schokolade zuckerfreie Bonbons kaufe. Darüber ärgere ich mich. Ich liebe es, beim Schreiben Süßes zu naschen. Warum kann ich das nicht einfach genießen? Mit dem „zuckerfrei“ hat man mich am Wickel, sprich mein unbewusstes schlechtes Gewissen. Sofort poppt die Ermahnung aus Kindertagen auf: „Iss nicht so viel Süßes!“ Ich sollte mir das nicht bieten lassen. Ich bin eine Süßschnute und verrate mit dem Verzicht auf Schokolade doch nur mein Selbst.

Wir sind leicht manipulierbar. Gespeichertes im Unterbewusstsein wird über die Sinne angetriggert. Sind wir nicht achtsam, lassen wir uns davon verleiten.

Ihr habt mich ertappt: Wäre ich mit meiner Achtsamkeit bereits weiter, würde ich in absoluter Präsens meine Bonbons lutschen und nur diese Bobons lutschen, nichts anderes nebenbei. Oder eben umgekehrt: Nur Schreiben und keine Bonbons dabei naschen. Aber ich bin ja auf dem achtsamen Pfad erst am Anfang – Ausrede akzeptiert?

Zurück zum Thema: Je aufmerksamer wir im Moment leben, desto weniger leicht kann man uns manipulieren. Doch bereits das bewusste Erkennen dieser Vorgänge ist ein Anfang. Indem ihr erkennt, was innerlich in euch vorgeht, habt ihr die Möglichkeit über die Rückhehr zur achtsamen Präsens loszulassen. Oft gelingt dieses Erkennen erst im Nachhinein. Zum Beispiel nachdem ich lange in einem Spielzeugkatalog geblättert habe, irgendwann lustlos aufhöre und plötzlich spüre, dass es hierbei nur um mein schlechtes Gewissen geht, weil ich gerade viel zu wenig Zeit mit meinen Kindern verbringe.

Was brauche ich eigentlich wirklich? Was tut mir wirklich gut?

Erst wenn wir uns von äußeren Reizen lossagen, können wir erspüren, was wir wirklich in dem Moment möchten. Ein Reiz kommt und sofort reagieren wir. Stopp! Jetzt inne halten und achtsam schauen, was für Gedanken kommen und welche Gefühle diese Gedanken auslösen. Mit diesem achtsamen Gewahrwerden beginnt bereits das Loslassen.

Im Buddhismus spricht man in Bezug auf das Bewusstsein von zwei Teilen: Das Geistbewusstsein und das Speicherbewusstsein oder auch Wurzelbewusstsein genannt. Das Geistbewusstsein ist die präsente Wahrnehmung und im Wurzelbewusstsein sind alle unsere Erfahrungen gespeichert. Sie sind die Grundlage des Bewusstseins.

Geistige Gebilde oder Geistesformationen wie Wut, Kummer oder Freude ruhen in Form von Samen (bija) in diesem Speicherbewusstsein.“
Thich Nhat Hanh
(aus: „Versöhnung mit dem inneren Kind“)

Na, mein Wurzelbewusstsein muss wahnsinnig viele Verästelungen haben und sehr, sehr tief in mir verknotet sein. Jede Menge Samen, die als Wurzeln sprießen. Der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh erklärt, dass die Samen dort verbleiben bis irgendetwas sie berührt – zum Beispiel weil wir etwas lesen, sehen oder hören – und schon empfinden wir entsprechend Sorge, Verlangen, Freude und vieles mehr. Und sobald wir etwas empfinden beziehungsweise fühlen, ist aus dem Samenkorn also ein geistiges Gebilde geworden. Erst wenn uns dieser Vorgang in der Achtsamkeit bewusst wird, können wir loslassen. Ansonsten hat die jeweilige Regung uns fest im Griff.

In der buddhistischen Psychologie sprechen wir von 51 verschiedenen Samen, die sich als 51 geistige Gebilde manifestieren können.“
Thich Nhat Hanh

O là là, da ist in meinem Wurzelkasten ja eine Menge los. Doch so lustig finde ich es gar nicht. Wenn ich bedenke, wie sehr ich jeden Tag durch Werbung, Internet und meine alltägliche Umwelt manipulativen Reizen ausgesetzt bin, dann wird mir fast etwas schummerig. Definitiv muss ich besser auf mich Acht geben, um im richtigen Moment loszulassen und gut für mich zu sorgen.

Je geübter ihr in der Achtsamkeit erkennt, welcher Samenkorn Gefühle von Ärger, Neid, Verlangen, Unzulänglichkeit, Schuld etc. verursacht, desto leichter könnt ihr loslassen und euer wahres Selbst erkennen.

Ich bin gespannt, ob ich beim nächsten Einkaufsbummel oder dem üblichen Gang durch den Supermarkt tatsächlich gegenwärtig bleibe. Ich gestehe, dass ich mich gerade beim Shopping meistens in irgendwelchen Zukunftsvisionen verliere. Dann sehe ich mich bereits in dem neuen Kleid chic im Theaterfoyer stehen. Warum? Nicht, weil ich ansonsten nichts für das Theater zum Anziehen hätte, sondern weil es mir wichtig ist, was andere von mir denken. In Gedanken folgen mir bereits wohlwollende Blicke. Schaffe ich es, dieses mangelnde Gefühl von Selbstwert loszulassen?

Im gegenwärtigen Erkennen verstehen wir ob wir etwas aus Selbstliebe und reiner Freude heraus tun oder ob ein Mangel an Selbstliebe uns antreibt.

Werde ich spüriger für mein Wurzelbewusstsein, erkenne ich vertraute geistige Gebilde und sie beginnen sich aufzulösen. Damit werde ich auch nicht länger den Spott meines Mannes ertragen müssen. Denn jedes Mal, wenn ich wieder eine Anzeige einer Anti-Faltencreme aus der Zeitung reiße, macht er sich über mich lustig. Das ist nicht nett. Somit sollte das doch Motivation genug sein, oder?

Ich lasse los – auch mit Falten bin ich ein klasse Typ – hihi, jawohl!

 

dtmg

  • Statt meine Zeit im Internet zu vertrödeln, fühle ich achtsam in mich hinein was ich eigentlich / wirklich brauche.
  • Beim Einkaufen versuche ich zu spüren, welche Art von Motivation mich nach bestimmten Produkten greifen lässt.
  • Erkenne ich ein geistiges Gebilde, das mir nicht gut tut (dem ich gerade auf den Leim gehe), nehme ich es wahr, atme und lasse los.

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