Gastbeitrag von Renato Kruljac:

Trainer und Autor des Buches „Intuition“.

 

Ein Zen-Meister sagte mal, dass das, was die Wissenschaft heute im Bereich der Achtsamkeit und Meditation erforscht und bestätigt, die alten Weisheitslehrer schon vor über 2000 Jahren wussten.

Bei dieser Aussage muss ich immer wieder schmunzeln. In der Tat. Über etwas zu forschen und zu reden ist das eine, etwas wirklich zu wissen bzw. eine Erfahrung zu machen, das andere. So heißt es in einem Spruch: „Um zu wissen wie der Tee schmeckt, muss man ihn probieren.“ Man kann viel über einen Tee reden und forschen, seine Inhaltsstoffe kennen und bis ins kleinste Molekül wissenschaftlich vorgedrungen sein, ohne ihn je gekostet zu haben.

Das Ziel in der Achtsamkeitsmeditation ist die Praxis bzw. die selbst gemachte Erfahrung. Alles andere ist letztlich nur Theorie.

Vom Thomas von Aquin, einem der einflussreichsten Philosophen und Theologen der Geschichte, wird berichtet, dass er nach einer tiefen Erfahrung einem seiner Mitbrüder folgendes gesagt haben soll: „Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir vor wie Stroh im Vergleich zu dem, was ich gesehen habe.“

Das Ziel in der Achtsamkeitsmeditation ist die Praxis bzw. die selbst gemachte Erfahrung. Alles andere ist letztlich nur Theorie. Diese ist für das Lehren und das Integrieren der Erfahrung sowie die Weiterentwicklung einer Übungsmethode im Nachhinein nicht unwichtig, aber vor der Theorie sollte die Praxis stehen. Heutzutage gibt es immens viele Studien, Bücher und Medienberichte über Achtsamkeit und Meditation. So manche Personen haben schon so viel darüber gelesen, dass sie ihren schon so vollen Kopf von Konzepten und Ideen noch mehr füllen und nicht freikriegen können und somit den Fortschritt ihrer Achtsamkeitspraxis erschweren. Hier ist weniger einfach mehr.

Der Ego-Verstand

Unser Ego-Verstand möchte gerne mehr. Er möchte verstehen, machen, haben und so viel wie möglich Informationen und Wissen ansammeln. Das ist normal. Denn das ist seine Aufgabe. Der Seinsmodus ist nicht sein Zuhause.

Die in unserem Kopf ständig kreisenden Gedanken und Fantasien im Alltag und während der Meditation sind hinderlich. Da sie uns zurückhalten in Kontakt mit unserem wahren Ich zu treten und unsere Wahrnehmung, das heißt unsere Sicht auf uns und die Welt, verzerren.  Auch Meditationserfahrene sind während ihrer Praxis von Gedanken und Gefühlen nicht immer frei. Sie bemerken sie lediglich früher und können dann in einer freundlichen und akzeptierenden Haltung von ihnen Abstand nehmen. Meistens. 😉

Die zahlreichen umherschwirrenden Gedanken und Identifikationen sind der Schleier der uns von dem Eigentlichen, die Religionen würden hier von Gott sprechen, trennen.

So schreibt der im 14. Jahrhundert lebende deutsche Dominikaner Johannes Tauler Folgendes:

Der Mensch lasse die Bilder der Dinge
Ganz und gar fahren
und mache und halte seinen Tempel leer.
Denn wäre der Tempel entleert,
und wären die Fantasien,
die den Tempel besetzt halten draußen,
so könntest du ein Gotteshaus werden,
und nicht eher, was du auch tust.
Und so hättest du den Frieden deines Herzens und Freude,
und dich störte nichts mehr von dem,
was dich jetzt ständig stört,
dich bedrückt und dich leiden lässt.

 

Der Schleier wird wahrscheinlich nie ganz verschwinden. Vielmehr geht es darum, ihn überhaupt mal zu erkennen und durch die Praxis zu lüften, um mehr von sich und der Welt zu erkennen. Seinen Weg und seine wahren Bedürfnisse wahrzunehmen, um sein Leben zu leben.

Denn die buddhistische Praxis, die Meditation ist keine dogmatische Religion und keine Ideologie.

Wissenschaft und Meditation – ein Widerspruch?

Dalai Lama wurde mal zu einem Kongress eingeladen, bei dem es um einen Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft gehen sollte. Dabei äußerte er sich, dass er hier keine Trennung bzw. keinen Widerspruch zwischen beiden sehe. Denn die buddhistische Praxis, die Meditation ist keine dogmatische Religion und keine Ideologie. Sie beschäftigt sich letztendlich genauso wie die Wissenschaft mit der Erforschung des Geistes und Körpers. Nicht mit technischen Instrumenten, Laboruntersuchungen und Checklisten, sondern mittels Introspektion, also der Selbstbeobachtung.

Heutzutage gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien über Achtsamkeit und Meditation. Kongresse und Zeitschriften beleuchten das Thema und machen Neugierig. Mediziner, Psychologen und Coaches bekunden reges Interesse und möchten dadurch ihr Wissen bereichern und ihre Werkzeugkästen füllen. Noch eine Methode, noch mehr Wissen. Ist das alles nur ein neuer Trend, oder doch mehr?

Für den renommierten Zukunftsforscher Matthias Horx ist Achtsamkeit mehr als ein Hype.  So schreibt er: „Achtsamkeit heißt: In einer überfüllten, überreizten, überkomplexen Welt müssen wir lernen, uns auf neue Weise auf uns selbst zu besinnen.“  moment by moment, 3/2017.

Da die meisten Menschen im Westen stark kopfgesteuert sind, brauchen sie oft einen anderen Zugang. Laut meiner Erfahrung genügt es nicht mehr Interessierte an Meditation und Achtsamkeit wie in den früheren Jahrhunderten (wird teilweise aber auch heute noch gemacht) in einem Kloster in der Meditationshaltung sitzen zu lassen und ihnen ab und zu einen Hinweis zu geben. Das Leben ist komplexer geworden und die meisten kommen zur Praxis, weil sie was von Meditation und Achtsamkeit gelesen haben, neugierig geworden sind und praktische Lösungen für ihre Alltagsprobleme suchen. So ist es hilfreich, zunächst jeden abzuholen, da wo er steht und die wichtigsten Fragen zunächst zu beantworten. Unser westlich geschulter Geist ist sehr kritisch und möchte vieles hinterfragen. Und das ist auch gut so. Unsicherheiten, die durch so manche fehlerhafte Informationen oder dubiose Anbieter, von denen es nicht wenige gibt, entstanden sind, müssen dann abgebaut werden. Das fehlende Vertrauen kann hier unter anderem auch durch wissenschaftliche Erkenntnisse etwas aufgebaut werden.

Für diejenigen, die wissen möchten, was bei der Meditation geschieht, stelle ich im Beitrag „Wie Meditation Gehirn und Geist verändert” einige interessante Berichte vor.

 

 

dtmg

  • Ich richte meine Aufmerksamkeit für einige Minuten auf den Atem und beobachte einfach wie er kommt und geht. Dies kann im Sitzen und Gehen, zu Hause oder auf der Arbeit geschehen
  • Wenn Gedanken kommen, nehme ich sie wahr und lasse sie wie die Wolken am Himmel einfach vorbeiziehen.
  • Ich mache mir bewusst, dass Achtsamkeit nicht Wissen, sondern eine Erfahrung ist, die ich jederzeit machen kann.

 


Noch Fragen?

Ihr sucht ausführliche Infos über Achtsamkeit: einfach hier klicken