Reflektion kurz vor der Abreise: Geht es nur mir so oder nehmt ihr im Urlaub die Natur auch viel bewusster wahr? Dann schwärmen wir, wie weiß der Strand, wie klar das Meer, wie friedlich die Bergwelt oder wie grün die Wälder waren. In dieser eng bemessenen Zeit des Jahres – zwei oder drei Wochen – stürzen wir uns mit allen Sinnen in die Natur und kraulen uns gesund. Mensch und Natur im Hier und Jetzt und plötzlich ticken unsere inneren Uhren langsamer. Wir lassen uns von der Natur berühren, lassen unseren großen Zeh in dem klaren Gebirgsbach kreisen und spüren – uns selbst. Warum schaffen wir das so selten im Alltag? Okay, Meer oder Gebirge sind nicht gerade vor der Haustür, aber Parks und andere Grünflächen gibt es genug.

In der Achtsamkeit erkennen wir die heilende Verbindung von Mensch und Natur.

In der Achtsamkeit erkennen wir die heilende Verbindung von Mensch und Natur.

Mensch und Natur schwingen sich ein

Der Soziobiologe Edward O. Wilson beschreibt in seinem Buch „Biophilia“, wie unsere Affinität zur Natur evolutionsbedingt begründet sei. Unser Geist und unsere Psyche, ja damit verwoben unsere Emotionen, hätten sich aus einer biologischen Welt und nicht aus einer künstlichen entwickelt. Als Jäger und Sammler haben sich unsere Gehirnmodule an den Elementen einer lebendigen Welt mit Tieren und Pflanzen ausgerichtet. Und entsprechend haben sich auch Verhaltensmuster eingeprägt, basierend auf der Reaktion unserer Sinne auf natürliche Reize: Lichtreize, Naturtöne, zyklisches Zeitempfinden, natürliche Formen, Farben und Bewegungen. Diese Muster wirken noch immer tief in uns, so dass wir uns in der Natur wieder mit etwas Ursprünglichem verbinden, sozusagen wieder bei uns selbst ankommen. Daher finden wir in der Natur Entspannung. Mensch und Natur im Einklang bedeutet wieder zurück zu einem natürlichen Gleichgewicht, zur inneren Balance finden.

„Einen Lehrer gibt es, der ist vortrefflich, wenn wir ihn verstehen; es ist die Natur.“

Heinrich von Kleist, aus: Briefe
an Wilhelmine von Zenge, 16.-18. November 1800

Mensch und Natur – ein Sinnenspiel

Am letzten Urlaubstag geht man ja meist noch einmal etwas wehmütig ans Meer, betrachtet ein letztes Mal den Sonnenuntergang oder sitzt für eine Weile gedankenverloren auf der Alm. Auf meinem letzten Gang durch die Weinberge denke ich an das „Waldbaden“, eine japanische Tradition, über die ich auch in meinem Buch „Kraftquelle Natur“ geschrieben habe. (Ja, jetzt muss ich doch mal ein weing in Punkto Eigenwerbung aktiv werden. :-) Letzte Woche habe ich mir „Kraftquelle Natur“ noch einmal vorgenommen, weil ich dazu einen Zeitschriftenartikel schreiben soll. Dabei dachte ich: Wow, für meinen Blog ist das wichtig, denn es hilft im Alltag.) Okay, also zum „Waldbaden“: Nein, dabei robbt ihr nicht mit vollem Körpereinsatz durchs Unterholz oder wälzt euch wie ein Hund im dichten Moos. Ihr taucht mit allen Sinnen in den Wald ein, versinkt geradezu in der Waldatmosphäre: den Wald einatmen, in ihn hineinlauschen und Bäume und Sträucher ertasten.

„Das Spiel zwischen Licht und Schatten, die verschiedensten Geräusche, der Moment und die Möglichkeit in sich selbst hineinzuhorchen, all das fördert die Gesundheit und der Wald sollte viel mehr als eine Insel gesehen werden, auf die man sich öfter begeben sollte.“

www.epochtimes.de

Mensch und Natur – ein Geben und Nehmen

Tatsächlich gibt es seit 2012 in Japans Universitäten sogar den Forschungszweig „Waldmedizin“. Denn Untersuchungen haben ergeben, dass Mensch und Natur miteinander „kommunizieren“. So beeinflusst der Wald extrem positiv unser Immunsystem. Das Einatmen der durch die Pflanzen abgesonderten ätherischen Öle, zum Beispiel der Duft von Harzen, Moos, Blüten, Gräsern und Erde stärkt unser Immunsystem. Gerüche beeinflussen nachweislich unsere Stimmungen und wirken auf unser Unterbewusstsein.  Auch die in der Waldluft enthaltenen Terpene (Pflanzenmoleküle) sollen sogar so genannte Killerzellen in unserem Körper unterstützten, die wiederum gegen Krebs wirken. Okay, ich habe medizinisch null Ahnung, mein Wissen endet bei Aspirin gegen Kopfschmerzen und Iprofen bei Fieber. Doch was ich wirklich reinen Gewissens bestätigen kann ist die psychische Wirkung des Waldes, sprich der Natur im Allgemeinen.

„Die Natur allein ist die wahre Priesterin der Freude; nur sie versteht es, ein hochzeitliches Band zu knüpfen. Nicht durch eitle Worte oder Segen, sondern durch frische Blüten und lebendige Früchte aus der Fülle ihrer Kraft.“

Friedrich Schegel, aus: „Lucinde“, Roman, 1799

Wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass ein Aufenthalt im Wald Stresshormone abbaut, Angstzustände mindert, gegen Depressionen hilft und die Vitalität steigert. Das hört sich doch gut an. Achtet selbst einmal auf euren Gemütszustand, auf eure Stimmung, sobald ihr euch auf einem Spaziergang durch die Natur begebt. Natürlich müsst ihr euch dabei einlassen, denn es macht wenig Sinn, durch einen Park zu laufen und in Gedanken das nächste Meeting oder das Abendessen zu planen. Achtsamkeit, jawohl, Achtsamkeit, auch hier. Ich gestehe, mir kam es sehr befremdlich vor, als ich davon hörte, Bäume zu umarmen. Dafür bin ich irgendwie zu bodenständig. Trotzdem habe ich es ausprobiert, man kann ja nur klüger werden. Und oh Wunder, es macht etwas mit einem. Ich habe die Kraft des Baumes gespürt, seine Beständigkeit, eine Art Halt. Kein esoterischer Schnickschnack, sondern so war es. Oder setzt euch mit dem Rücken an einen Baumstamm und schaut durch die Äste hindurch zu seiner Krone. Das macht etwas mit uns, berührt etwas in unserem Inneren.

„Alles Selbstdenken kommt mir wie Sünde vor, wenn ich in der natur bin; könnt man ihr nicht lieber zuhören?“

Bettina von Arnim, aus: „Die Günderode“
Mensch und Natur sind evolutionsbedingt tief miteinander verbunden.

Mensch und Natur sind evolutionsbedingt tief miteinander verbunden.

Mensch und Natur – Seelenverwandte

Nicht umsonst haben so viele Dichter der Romantik Verse und Texte über die Natur geschrieben. Die Natur ist ein Ort des „Auf-sich-selbst-Besinnen“. Der Begriff der „Waldeinsamkeit“ bedeutet im Endeffekt eine Begegnung mit sich selbst in der ruhenden Kraft der Natur. Stress und Sorgen relativieren sich und wir erfahren einen Raum der liebevollen Annahme, des Seins. Nicht umsonst spricht man vom Wald auch als „Seelenort“. Aber wir müssen es zulassen. Neulich las ich über den Briten Gavin Pretor-Pinney, ein überzeugter „Wolkengucker“, der auch andere Menschen dazu animieren möchte, öfter den Müßiggang zu pflegen und in die Wolken zu schauen. Beim Betrachten des natürlichen Wandels der Himmelsformationen vergisst er die täglichen Sorgen. Seine Fantasie wird beflügelt und seine innere Balance gestärkt. Für ihn ist das Betrachten der Wolken eine Art Meditation:

„Wolken sind die Poesie der Natur, sie beflügeln unsere Fantasie, der Anblick dieser Zuckerwattehaufen tut der Seele gut, ihre Schönheit entspannt. Woklengucken ist ein herrlich zweckfreier, lebensbejahender Zeitvertreib, sie laden ein zum Innehalten, zur täglichen Meditation.“

www.weleda.de

Mir tat es gut, noch einmal in meinem Buch zu lesen, denn mein Entschluss für den Alltag steht jetzt fest: Mensch und Natur, jeden Tag, also raus ins Grün. Haha, muss sie wegen ihres Hundes ja ohnehin. Recht habt ihr, aber jetzt nutze ich diese Gänge auch für mich. Statt Smaltalks mit Hundebesitzern tauche ich achtsam in die Natur ein. Und ich lege mich auf die Alsterwiese und schaue in die Wolken – egal, was die Anderen denken.

 

 

dtmg

  • Täglich mindestens 20 Minuten raus in die Natur.
  • Im Park oder auf der Wiese spiele ich mit meiner sinnlichen Wahrnehmung: Welche Düfte nehme ich wahr, welche Geräusche und spüre ich den Wind auf der Haut?
  • Ich setze mich auf eine Bank im Park und schaue auf die Bäume. Dabei atme ich bewusst ein und aus und nehme einfach nur wahr, wie die Atmosphäre auf meinen Geist und Körper wirkt.

 


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