Das ging schief und das ist okay.

Letzte Woche startete das internationale Festival der Künste, die Ruhrtriennale. Auf einem Werbeplakat prangerte die Aufschrift „Arbeit“ + „Stinkt“, dazu ein nackter Oberkörper mit einem tätowierten Jesusmotiv. Die Presse war „not amused“. Mich ließ das Bild nicht los. Das Motto der Veranstaltung lautet dieses Jahr „Seid umschlungen“. Ob ihr nun religiös seid oder nicht, ich denke, wir haben alle über Generationen vererbte Werte der Bibel in uns eingeprägt – auftätowiert. Und dieses „Seid umschlungen“ verstehe ich als Aufruf, nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst zu umarmen. Mitgefühl, ein christlicher Wert, doch wann zeigt ihr Mitgefühl für euch selbst?

Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.“
Bibelzitat, Sprüche 4,23

Ich bin nicht bibelfest, keine Sorge. Auch scheuche ich nicht sonntags meine Kinder in die Kirche. Ich bin in meiner Art gläubig, doch mehr verrate ich euch nicht, das wird mir zu intim, so gut kennen wir uns noch nicht. Doch der Gedanke des Mitgefühls treibt mich um: Ich öffne mein Herz sofort, wenn es um die Sorgen und Nöte anderer geht. Da habe ich leicht reden, von wegen, derjenige solle doch nachsichtiger mit sich selbst sein. Ermutigend nehme ich mich seiner Nöte an. Ein Fehler oder ein Versagen schmälert schließlich nicht den Wert eines Menschen. Die Wissenschaftlerin und Autorin Kristin Neff unterteilt Selbstmitgefühl in drei Aspekte:

  • Selbstfreundlichkeit
  • Erkenntnis, dass wir alle gemeinsame menschliche Erfahrungen machen
  • Achtsamkeit

Anstatt euch mit Selbstkritik klein zu reden, solltet ihr nett zu euch sein. Diese Selbstfreundlichkeit und liebevolle Zuwendung für uns selbst ist wesentlich motivierender als sich selbstkritisch zu zermartern. Auch Forschungen haben ergeben, dass Strenge und Selbstkritik nur unsere Versagensängste schüren und das Selbstvertrauen schwächen. Nur ist es leider so: Sobald unser Selbstkonzept bedroht scheint, wird ein Teil des Gehirns getriggert, der ursprünglich zum Schutz vor Bedrohungen vorgesehen war, in dem jedoch auch Selbstkritik stattfindet. Demnach liegt das Selbstmitgefühl nicht unbedingt in unserer biologischen Wiege.

KW34-2015

Leiden existiert, daher sollten wir eine positive Haltung dazu entwickeln.

Wenn ihr akzeptiert, dass ihr Fehler macht, dass andere es manchmal besser können, dass ihr verletzlich seid und schwach sein dürft, entwickelt ihr Nachsicht mit euch selbst. Wir neigen alle dazu, schlechten Gefühlen möglichst aus dem Weg zu gehen. Für normal halten wir, dass alles laufen muss. Das ist Nonsens. Unvollkommenheit ist eine universelle Erfahrung. Mal ist man Gewinner, mal Verlierer. Und wir tun uns selber weh, wenn wir versuchen, davor die Augen zu verschließen. Läuft etwas schief, ist es tausendmal gesünder, achtsam zu erkennen, was diese Situation emotional mit uns macht und woher diese Gefühle kommen als uns selber zur Raison zu kommandieren.

Es tut verdammt noch einmal gut, ab und zu in Selbstmitleid zu baden!

So what! Dann zerfließt ihr eben einmal im Selbstmitleid – gut so! Von wegen Selbstmitleid „stinkt“. Nein, Selbstmitfühlen hat nichts mit tränenreicher Egozentrik zu tun. Selbstmitgefühl ist „Arbeit“ – Arbeit an eurer Persönlichkeit, sobald ihr euch achtsam Selbstmitgefühl zugesteht. Achtsamkeit lässt euch in diesen Momenten die Dinge so annehmen, wie sie sind. Punkt: nicht mehr, nicht weniger.

Erst, wenn wir unsere Herzenswunden spüren, können wir sie heilen.

Natürlich ist es manchmal unangenehm, sich seiner eigenen Verletzlichkeit zu stellen. Oft begegnen wir im Selbstmitgefühl den fest verankerten Glaubenssätzen und Denkmustern aus der Vergangenheit, die unsere selbstkritischen Stimmen nähren. Einer meiner hartnäckigen Sätze lautet: „Ich reiche nie.“ Schrecklich, ich hasse ihn! Klappt etwas mal wieder nicht, ratet mal, welche Stimme dann sofort tönt? Touché. Nehme ich mich dann jedoch sozusagen selbst in die Arme und bemitleide mich ein wenig, erkenne ich, welchen Schmerz mir dieser fiese Satz zufügt. Achtsam sehe ich, was eigentlich der Auslöser für mein Hadern ist. Ich wende mich meinem Herzen zu. Denn:

Für das Bewusste ist der Kopf verantwortlich, für das Unterbewusste unser Herz.

In ihrem Buch „Der Healing Code“ führten die Autoren Alex Loyd und Ben Johnson folgenden Test durch: Die Teilnehmer malten auf ein Papier einen Kreis, den sie in vier gleich große Stücke unterteilten und jedes „Pizzastück“ von eins bis vier nummerierten. Dann sollten die Probanden ruhig ein Pendel über den mittleren Schnittpunkt der Linien halten. Das klappte bei allen. Danach sollten sie das Pendel weiter ruhig halten und sich vorstellen, das Pendel würde von Feld 1 oben links nach Feld 3 unten rechts schwingen. Et voilà: Bei rund Dreiviertel der Teilnehmer kam das Pendel heftig in Schwingung.

Für die Autoren der Beweis, dass das „Herzkommando“ (unser Unterbewusstes) die Kraft des „Kopfkommandos“ (unser Geist) außer Kraft setzt.

Was hat diese Pendelei nun mit Selbstmitgefühl zu tun? Eine Menge. Schließlich klappte dieser Test bei einigen Teilnehmern nicht. Das Pendel schwebte ruhig über der Mitte des Kreises trotz gedanklicher Aufforderung, zu schwingen. Wenn wir nicht liebevoll mit uns selbst mitfühlen, verschließen wir unsere Herzen. Und unsere darin enthaltenen Erinnerungen („Zellerinnerungen des Herzens“) können nicht gelöst werden. Stattdessen spüren wir sie in Form von Selbstkritik, Strenge und destruktiven Gedanken.

Puh, jetzt zeige ich Mitgefühl mit mir selbst und höre endlich auf zu schreiben. Das Bild der Ruhrtriennale pinne ich mir an die Wand. Aller Kritik zum Trotz: Ich mag das. Und in diesem Sinne: Seid umschlungen!

 

dtmg

  • Ich gestehe mir Fehler zu.
  • Geht etwas schief oder ärgere ich mich, spüre ich achtsam, welche Gefühle bei mir getriggert werden.
  • Ich gönne mir Mitgefühl: Ich seufze laut und nehme die „schlechten“ Gefühle an.

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