Mitgefühl als kleine Oase der Kraft

 Es ist jetzt schon eine Weile her, aber eben drum ist es so wichtig: Vor ein paar Wochen fuhr ich meine Tochter mit dem Auto zu ihrer Freundin. Kaum im Wagen verkabelte sie ihr Handy mit dem Radio, so dass wir über youtube lautstark den Song „Better When I´m Dancin“ hören konnten. Für alle (einschließlich mich :-) ), die sich in der Teenie-Song-Hitliste nicht so auskennen: Das Lied ist ein ähnlich fröhlicher Ohrwurm wie „Happy“, mit ziemlich gleicher Botschaft und ebenfalls tanzen im Video Alt und Jung fröhlich auf den Straßen. Meine Lütte sang ausgelassen mit und als ich sie schließlich absetzte, sang und hüpfte sie die lange Auffahrt bis zum Haus der Freundin, drehte sich noch einmal zu mir um, winkte und galoppierte davon. So sind sie, die Kinder. Und was soll nun so besonders daran sein? Eben dieser Moment. Ich hatte mitgefühlt. Ich hatte sie gespürt, ihre unbändige Lebensfreude und genauso fühlte ich mein Glück bei ihrem Anblick.

Momente, in denen wir achtsam die Freude fühlen, genau diese Momente prägen sich uns ein und erinnern uns auch noch Tage später an die Schönheit des Lebens.“

Mitgefühl bedeutet vor allem auch, den anderen zu fühlen und dabei achtsam wahrzunehmen, wie man sich selbst dabei fühlt. Die Leichtigkeit meiner Tochter hatte mich angesteckt. Also verkabelte ich auf der Rückfahrt ebenfalls mein Handy, der Song war auf youtube schnell gefunden und ab ging die Fahrt nachhause, die Fenster runtergekurbelt, Sonnendach auf und den Soundpegel voll aufgedreht – herrlich! Ich genoss mich selbst, meine Gefühle von Freude, Ausgelassenheit und Lebensverliebtheit.

Mitgefühl verbindet, wenn wir dabei achtsam auch uns selbst fühlen.

Mitgefühl verbindet, wenn wir dabei achtsam auch uns selbst fühlen.

Mitgefühl in Bezug auf das Erfühlen der anderen Person verbindet. Je achtsamer ihr in solchen Momenten auch bei eurem eigenen Gefühlen bleibt, desto klarer erkennt ihr, was durch die Gefühle des anderen bei euch ausgelöst wird. Das kann oft sehr schön sein, weil sich so auch bei euch etwas öffnet. Jedoch Vorsicht: Ist mein Mann zum Beispiel grummelig spüre ich das sofort, da kann er sich noch so viel Mühe geben. Bleibe ich jetzt nicht achtsam bei mir, sinkt meine Laune ebenfalls in den Keller. Damit ist uns beiden nicht geholfen. Also auch hier: Mitfühlend mit sich selbst schauen: Was löst der andere bei mir aus.

Je selbstverständlicher wir uns täglich mit achtsamem Mitgefühl begegnen, desto leichter erkennen wir was uns glücklich macht.“

Genießt ihr achtsam diese kleinen Momente der Freude, die sich täglich zeigen? Zum Beispiel der warme Sommerwind, der beim Fahrradfahren über eure nackten Arme streicht. Die ersten Schritte barfuss in dem vom Tau noch feuchten Gras. Oder auf einem Spaziergang mit kalten Händen warme Pferdenasen streicheln (www.diegeniesser.com).  Es bringt Spaß, achtsam auf solche Momente zu schauen, genau zu spüren und diese guten Gefühle auszukosten. Diese Momente sind nicht selbstverständlich, sie sind wie ein kurzes Aufblitzen der Sonne hinter dem wolkenverhangenen Himmel. Und gerade deshalb sind sie so besonders und es wert, mitfühlend wahrgenommen zu werden.

Wer seinen Sehnsüchten ehrlich begegnet, lernt sich selbst besser kennen.“
Psychologieprofessor Wolfgang Hantel-Quitmann

Sich selbst mitfühlend begegnen bedeutet auch, seine Sehnsüchte zu erforschen beziehungsweise ihnen Raum zu geben, sie zu spüren und zu reflektieren. Natürlich haben Tagträume, in denen ihr zum Beispiel den selbstgebackenen Erdbeerkuchen eurer Großmutter vor Augen habt oder euch die bunten Malkreidebilder auf dem Asphalt an sorglose Kindertage erinnern nichts mit Achtsamkeit zu tun. Ihr hängt in der Vergangenheit. Doch wenn ihr diese Sehnsüchte wahrnehmt und euch mitfühlend darauf einlasst, bieten sie eine Chance. Sehnsüchte haben ein enormes Kraftpotenzial. Sie fordern uns auf, Neues in unser Leben hereinzulassen. Warum nicht eine Weile den Kindern dabei zusehen, wie sie den Fußweg mit Blumen, einer Sonne und kunterbunten Häusern verschönern? Sich von der Freude tragen lassen und sie als Anstoß nehmen, mehr Kindlichkeit und Leichtigkeit in den Alltag zu integrieren.

Es gibt Gefühle, die lassen sich schwerlich mit Namen versehen, kein Begriff kann genau fassen, was dieses Gefühl ausmacht, wie es schwingt:

Die Rührung über die Unbeholfenheit eines Kindes. Die Freude, wie die Eltern da so Hand in Hand sitzen. Das Glück, aufzuwachen und ihn in der Küche klappern und Frühstück machen zu hören.“
Mario Giordano,
aus „1000 Gefühle, für die es keinen Namen gibt“

Je mitfühlender ihr im Alltag euch selbst gegenüber seid desto mehr solcher Gefühle werdet ihr entdecken und desto größer wird das Farbspektrum eures täglichen Erlebens. Und dann spürt ihr vielleicht auch häufiger so ein Ziehen in der Brust, ebenfalls so ein schwer zu benennendes Gefühl. Der Sammelbegriff lautet Sehnsucht.

Die Hoffnung, dass es heute mal für Hitzefrei reichen möge. Das wehmütige Vermissen der Schmetterlinge im Bauch. Die Hoffnung auf ein unmoralisches Angebot wie im Film.“
Mario Giordano
Mitgefühl bedeutet auch, achtsam seine Sehnsüchte wahrzunehmen.

Mitgefühl bedeutet auch, achtsam seine Sehnsüchte wahrzunehmen.

Mitgefühl ist der Schlüssel, den wir nur ins Schloss stecken müssen, damit sich die Tür für die Vielfalt und die Möglichkeiten des Lebens öffnet.

Ich denke, ihr habt längs gemerkt, worauf ich hinaus wollte. Mein Plädoyer für mehr Mitgefühl im ganz Alltäglichen ist nämlich wie eine Fundgrube auf dem Weg zu uns selbst. Eben nicht nur Mitgefühl in schwierigen Situationen, sondern immer und überall. Nur so erfahren wir mehr und mehr, wer wir wirklich sind, was uns hindert und beengt und was uns antreibt und beflügelt.

Die Peinlichkeit beim Kaffeefleck auf der Hose. Die Furcht vor dem Feilschen in Basaren. Die Gelassenheit, wenn du niemanden mehr etwas beweisen musst.“
Mario Giordano

Und nun seid ihr dran: Welche Gefühle ohne Namen fallen euch ein?

 

dtmg

  • Ich erstelle eine Liste mit Gefühlen, die mir gut tun.
  • Achtsam werde ich in Momenten der Freude innehalten und genau nachspüren, wie sich die Freude anfühlt.
  • Gefühle von Sehnsucht betrachte ich mit Achtsamkeit: Was wollen sie mir sagen? Was fehlt gerade in meinem Leben? Was kann ich dafür tun?

Noch Fragen?

Ihr sucht ausführlichere Infos über Achtsamkeit: einfach hier klicken