Loslassen hat viel mit Eigenverantwortung zu tun

Natürlich habt ihr das auch schon erlebt, dass euch im Job ein liebgewonnener Kollege verlässt. Das gehört zum Berufsleben dazu. Man arbeitet eng zusammen, hat Spaß und so manches Projekt gemeinsam gestemmt. Und plötzlich fällt das weg. Das macht traurig, logisch. Dann kommt ein neuer Kollege und es geht weiter. Bekanntlich ist es ja auch ein Irrglaube, zu meinen, irgendjemand sei im Job unersetzlich. Mir ist das gerade passiert: Der eine ist gegangen und jetzt ist ein Neuer da. Und der neue Kollege ist total sympathisch. Ich habe ihn bereits kennengelernt und weiß, dass es auch mit ihm super klappen wird, keine Frage. Und trotzdem: Ich bin traurig. Ich erwische mich dabei, dass ich nur schwer loslassen kann. Dabei ist das dem neuen Kollegen gegenüber total unfair.

Jede tiefe Trauer hat das Potenzial, Selbstbeschränkungen aufzulösen und unseren Blick in die Weite zu richten – sei es die innere oder die äußere.“
(Natalie Knapp, aus „Der unendliche Augenblick“)

Okay, ich bin jetzt natürlich nicht in tiefer Trauer. Das wäre nun doch etwas zu viel des GutenJ Doch ich finde es interessant zu schauen, was sich jetzt in mir abspielt. Und da wird es spannend: Wenn ich achtsam meine Gedanken beobachte und in mich hineinspüre, ist es weniger Traurigkeit als Angst, die mich daran hindert, loszulassen. Angst vor dem Neuen. Alle beruflichen Abläufe waren eingespielt und vieles lief mehr oder weniger routiniert über die Bühne. Jetzt nagt die Angst, ob das auch weiterhin so funktionieren wird. Ebenso die Sorge, ob ich meine Position neu behaupten muss. Jawohl, bin ich ehrlich, sind das nämlich ziemlich egoistische Sorgen. Dabei bieten solche Situationen die Chance, einmal achtsam zu schauen, wie sehr man sich selbst durch Routinen in Sicherheit bettet. Jegliche Art von Routine bedeutet auch Beschränkung.

Sobald sich Routinen auflösen, verlieren wir zwar an Sicherheit, gewinnen aber an Weite.

Unser Blickwinkel weitet sich und unsere Wahrnehmung wird sozusagen gelüftet. Eine neue Herausforderung lässt uns wieder das Leben bewusster spüren.

Denn das bedeutet, den Verlust als Teil des Lebens anzuerkennen und dadurch in eine Aufmerksamkeit für das Wesentliche und Wirkliche hineinzuwachsen.“
(Natalie Knapp, aus „Der unendliche Augenblick“)

Alles, was uns traurig stimmt, macht uns innerlich weich. Gleichzeitig öffnet es die Tür zu verborgenen Ängsten, die wir im Täglichen gerne verschlossen halten. Doch ist diese Tür erst einmal geöffnet, ist es für uns wie ein Anstoß, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen und eigenverantwortlich für uns zu sorgen. Eigenverantwortung geben wir meist gerne an Routinen ab. Ich zumindest. Sobald ich Routiniertes loslasse balanciere ich quasi wieder auf einem schmalen Seil. Und dort oben muss ich selbst Sorge tragen. Ist aber auch großartig, denn so nehme ich endlich wieder achtsam wahr, schließlich will ich nicht fallen.

Indem ich loslasse, werde ich wieder lebendig.

Schaut einmal selbst bei euch, wo es euch in der Vergangenheit schwer fiel, eingefahrene Situationen loszulassen. Welche Gefühle gingen mit diesen „Umbruchphasen“ einher? Ich denke, in dem Moment, wo man in solchen Momenten seine Gefühle achtsam erkennt und benennen kann, in genau diesem Moment offenbart sich einem das Potential derartiger Situationen. Damit schwindet die Angst. Das Loslassen fällt leichter und ein Gefühl der Selbstverantwortung verscheucht vor allem auch alle Vorurteile.

Erst wenn wir anerkennen, dass wir über grundlegende Bewegungen des Lebens keine Kontrolle haben, bemerken wir die Fülle an Möglichkeiten, die wir bislang übersehen hatten, weil wir auf unseren überschaubaren Lebensentwurf fixiert waren.“
(Natalie Knapp, aus „Der unendliche Augenblick“)

Und es ist nicht auch so, dass uns neue Begegnungen lebendig halten? Wir brauchen Menschen, neue Situationen, um uns selbst weiterzuentwickeln. Ich finde jedenfalls, dass das Leben viel zu schade ist, um stehen zu bleiben. Begegnungen machen das Leben spannend. Jeder neue Mensch spiegelt etwas in mir, somit entdecke ich dadurch immer wieder neue Seiten an mir. Daher wirft jedes Loslassen mich auf mich selbst zurück. Spannend und lebendig ist das.

Von dem Soziologen Hartmut Rosa stammt der Satz:

Wer sein Leben unter Kontrolle hat, ist tot.“

Drastisch, aber der Satz gefällt mir. Loslassen bedeutet ja nicht Abgabe der Verantwortung, sondern vielmehr Kontrollverlust unter achtsamer Eigenverantwortlichkeit.

Während ich mir hier also Gedanken über Loslassen und Eigenverantwortlichkeit mache, ist besagter nun Ex-Kollege längs auf und davon in weite Ferne, denn er hat sich eine Auszeit genommen und macht Sabbatical. Während seiner Reise wird er gewiss täglich mit dem Thema Loslassen konfrontiert, wird eigenverantwortlich dafür Sorge tragen, diese Zeit gut für sich zu nutzen und vor allem wird er jede Menge neue Menschen kennenlernen. So toll, dass er das macht, ich beneide ihn!

Ich habe jedenfalls beim Schreiben festgestellt, dass ich mich auf meinen neuen Kollegen sehr freue. Meine Ängste habe ich mir weggeschrieben und bin nun wirklich gespannt, was mir diese Begegnung an Erfahrung bringen wird. Das Leben scheint viel zu oft zu kompliziert. Schaut man jedoch achtsam hin, löst sich Vieles von alleine.

 

dtmg

  • Ich spüre achtsam in Gefühle von Traurigkeit, um zu erkennen, was es mit der Traurigkeit tatsächlich auf sich hat.
  • Ich werde versuchen, diffuse Ängste in Bezug auf Loslassen, genau zu benennen. Dadurch kriege ich Abstand und kann mich von ihnen lösen.
  • In belastenden Situationen stärke ich mich mit dem Bewusstsein, dass ich selbst die Verantwortung für meine Haltung und mein Handeln trage.

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