Weniger und dafür bewusster – das zahlt sich aus.

Gutmensch ist so ein Modebegriff. Den mag ich nicht. Ich engagiere mich einfach. Eine Stunde pro Woche kommuniziere ich ehrenamtlich mit ausländischen Mitbürgern, damit sie unsere Sprache lernen. Das bringt viel mehr Spaß als ich dachte. Tatsächlich verpasse ich keinen einzigen Termin, selbst wenn die Arbeit sich türmt, ich mich kränklich fühle oder in einem Stimmungstief hänge. Jedes Mal gehe ich dorthin und kehre bester Laune zurück. Woran liegt das?

Ich höre zu.

Während dieser Stunde höre ich endlich einmal komplett aufmerksam zu. Das muss ich, um grammatikalische Fehler zu verbessern. Aber darum geht es nicht. Achtet selber mal darauf, wenn ihr zum Beispiel in einem Meeting hockt. Da würde man ja meinen, ebenfalls achtsam bei der Sache zu sein. Klar hört ihr zu, davon gehe ich aus. Aber bestimmt habt ihr gleichzeitig euer Anliegen im Kopf, wie ihr eure Ideen oder Meinungen platzieren könnt, ärgert euch über die Einwände von Kollege Besserwisser und im Extremfall ersehnt ihr die baldige Mittagspause herbei. So kenne ich das jedenfalls – mehr oder weniger.

Bei meinen Sprachschülern aus fernen Ländern dagegen höre ich wirklich zu.

KW25-2015

Ich höre mit den Ohren, den Augen und sogar mit der Haut.

Ja, das geht, das heißt nämlich nichts anderes, als dass ich fühle. Und Fühlen beziehungsweise Spüren ist auch in einer Jobsituation wichtig, denn Wesentliches wird nonverbal kommuniziert. Man sagt, dass lediglich zehn Prozent des Gesprächsinhalts beim anderen ankommen. Den Rest nimmt der Zuhörer über Körpersprache, Gestik, Mimik, und Erscheinungsbild des anderen wahr. Für mich bedeutet das ganz klar:

Mit allen Sinnen zuhören – mit dem Herzen hören.

Während ich das hier schreibe wird mir erschreckend bewusst, dass diese eine Stunde pro Woche, das ist ja wirklich nicht viel, in der Tat zu den entspanntesten Momenten meines Alltags zählt. Dabei sitze ich dort nicht mit Füßen auf den Tisch, zwirble an meinen Haaren und träume mich aus dem Fenster. Jedoch bin ich endlich mal mit allen Sinnen nur bei einer Sache und damit komplett im Moment. Hurra, das ist Achtsamkeit pur!

…während wir die Segnungen einer 24-Stunden-Vernetzung erfahren, die uns erlaubt, überall und jederzeit mit aller Welt in Verbindung zu treten, machen wir paradoxerweise zugleich die Erfahrung, dass es noch nie so schwierig war, mit uns selbst und unserer inneren Welt in Kontakt zu kommen.“
Aus: Gesund durch Meditation, Jon Kabat-Zinn

Zuhause sieht das leider oft anders aus, ihr könnt auch ein Lied davon singen, da bin ich sicher: Mit den Kindern kommuniziere ich meist, indem wir uns von Raum zu Raum zurufen. Viel zu oft zahle ich meine Busfahrkarte mit Handy am Ohr und dirigiere nebenbei meine Tochter auf einen Platz. Und wie oft frage ich meinen Mann dreimal am Abend: Na, Schatz, wie war Dein Tag? Mich wundert es da nicht, dass Kommunikationsprobleme eine der Hauptursachen für Stress im schulischen und häuslichen Bereich sind. Also habe ich einen Entschluss gefasst: Ich faste! Für meine Sprachschüler hat seit gestern der Ramadan begonnen, da schließe ich mich an. Ich entsage zwar nicht Speis und Trank, sondern diesem ständigen Drang, tausend Dinge gleichzeitig zu machen. Ich specke ab und richte alle Sinne immer nur auf eine Sache zur Zeit. Wenn ich die Wäsche bügle, bügle ich die Wäsche – Punkt. Nebenbei werden keine Matheaufgaben gelöst. Erzählt mein Mann von seinem Tag, widerstehe ich dem Drang, währenddessen die Spülmaschine zu leeren. Und siehe da, statt kargem Brot, erwartet mich Herzensfülle – so stelle ich mir das vor.

Indem ich mich reduziere und nur auf das Gegenwärtige fokussiere, erfahre ich Wertschätzung.

In meinem Konversationskurs wird mir diese Wertschätzung jedes Mal wie ein Geschenk entgegengereicht. Ihr werdet schnell spüren, dass durch Achtsamkeit auch die Wertschätzung, die ihr euch selber gebt, enorm steigt.

Zurück zur Kommunikation: Ich neige dazu, wenn mir beispielsweise eine Freundin ihre Beziehungsproblemen erzählt, mich komplett in dem Gespräch zu verlieren. Ich bin hundert Prozent bei ihr, mit allen Sinnen. Gemäß der Achtsamkeit werte und urteile ich nicht mehr wie früher, das finde ich bereits super. Eigentlich betrachte ich mich als emphatische Zuhörerin. Doch verstehe ich dank meines Ehrenamtes, dass achtsames Zuhören nicht bedeutet, sich in dem anderen zu verlieren.

Sobald ich mich in die Geschichten des anderen hineinziehen lasse, kann ich nicht mehr achtsam und präsent sein. Ebenso viel Achtsamkeit wie ich auf mein Gegenüber richte, muss ich auch auf mich selbst richten, auf meine Gedanken, Empfindungen und Reaktionen. Oft bewegen mich die Erzählungen meiner Schüler von Krieg und Flucht zutiefst, doch sobald ich dort versinke, kann ich ihnen einfach nicht mehr präsente Aufmerksamkeit schenken.

Achtsame Sorge für einen selbst ist eine wichtige Voraussetzung für Wertschätzung.

Indem ich Entsagung übe, sorge ich jetzt für mich selbst, schätze mich wert und damit auch mein Umfeld. Unter uns: Ich bin froh, dass diese Art Achtsamkeitskur von mir nicht verlangt, den ganzen Tag zu darben. So wie Meditationslehrerin Sylvia Wetzel das sieht, finde ich es wesentlich motivierender:

… Achtsamkeit, so könnte man sagen, ist der Zipfel Buddha-Natur in unseren Händen.“
Aus: Der Weg entsteht unter deinen Füßen

Diesen Zipfel schnapp ich mir, halte ihn gut fest und freue mich, nicht nur ein Gutmensch in Bezug auf andere zu sein, sondern ebenso auch für mich selbst.

 

dtmg

  • Bevor ich mit anderen in Kontakt trete, checke ich, ob ich mit mir selbst in Kontakt bin: Ich atme ein paar Mal bewusst tief ein und aus, strecke meinen Körper und spüre den Boden unter meinen Füßen.
  • Ich richte meine volle Aufmerksamkeit immer nur auf eine Sache zur Zeit. (Handy-Pausen!!!)
  • Ich trainiere die Fokussierung meiner Sinne, indem zum Beispiel beim Musikhören darauf achte, ob ich die einzelnen Instrumente heraushören kann.

Noch Fragen?

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