Tägliche Stippvisite bei der inneren Mitte

Die ganze Woche über habe ich mich verrückt gemacht. Und heute ist es auch nicht besser, dabei bin ich gut vorbereitet. Doch morgen bin ich dran und das macht mir Angst. Wovon ich spreche beziehungsweise schreibe? Von dem Vortrag, den ich Samstag halten werde. Ja, ja, man wächst mit seinen Herausforderungen, das hatte ich auch gedacht und somit bester Dinge zugesagt, als man mich fragte, ob ich nicht Lust dazu hätte. Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich über Achtsamkeit spreche, aber typisch ich, innerlich mache ich mich seit Tagen verrückt. Also nix mit innerer Mitte. Höchste Eisenbahn etwas dagegen zu tun. Nur wo und wie finde ich meine innere Mitte?

Sind wir nicht achtsam, können unsere Gedanken uns von einem Moment auf den nächsten aus unserer inneren Mitte stoßen.“

Und wieder einmal geht es um die Pflege der Gedanken. Was meine Gedanken mir gerade zumuten, muss ich mir wirklich nicht bieten lassen. Und es stimmt mich traurig, dass ich noch immer derart von meinen Gedanken regiert werde. Andererseits erkenne ich ganz klar, dass ich bei dem, was gerade mit mir passiert, dass ich da nicht mitmachen muss. Das ist bereist ein Fortschritt. Jawohl, ich erkenne, welche Gedanken dafür sorgen, dass ich plötzlich von Angst gerüttelt werde und genervt und gereizt reagiere.

Die innere Mitte ist das Gefühl zu mir selbst, das aus dem Herzen kommt. Im Prinzip ist es die Liebe zu mir selbst.“
www.evidero.de

Statt mich selbst wertzuschätzen und mir Liebe zu schenken, mache ich mich gedanklich gerade ganz klein. Ihr wisst es besser als ich: Auch unangenehme Gefühle gilt es liebevoll anzunehmen. Gerade die negativen und nicht so schönen Emotionen sind wichtige Lehrmeister, denn sie weisen uns auf innerste Bedürfnisse hin und ermuntern uns so, uns diese Bedürfnisse einzugestehen, um uns entsprechend weiterzuentwickeln. Mein inneres Bedürfnis ist offensichtlich: Eigenwert, Wertschätzung meiner selbst.

Wenn man seine Ruhe nicht in sich findet, ist es zwecklos, sie anderorts zu suchen.“
Francois de La Rochefoucauld,
1613 – 1680, franz. Literat

Von daher sind mein derzeitiger Zustand und das achtsame Erkennen dessen, was gerade in mir abläuft, extrem wichtig. In meiner Mitte erkenne ich mich selbst und spüre Liebe. Die Mitte ist die Tür zu mir selbst, zu meiner Seele. Die innere Mitte ist mein wahres Ich, frei von Erfahrungen, Prägungen und damit auch frei von Ängsten und kritischen Glaubenssätzen. Kehre ich zu meiner inneren Mitte zurück, erkenne ich auch, dass alle Gegensätzlichkeiten zu einem wunderschönen Ganzen zusammen fließen. Nicht umsonst steht das sogenannte „Taiji“, das Symbol für Yin und Yang, aus zwei wie bei einem Puzzle ineinandergreifenden Hälften, die in ihren harmonisch gerundeten Formen einen Kreis bilden. Die eine Hälfte (Yin) steht für das Weibliche, Weiche, Empfangende und die andere (Yang) für das Männliche, Dynamische, Tatkräftige. Und in jeder der beiden Hälften ist ein „Auge des Gegenpols“, denn die jeweils gegenteilige Kraft ist bereits im Yin und Yang angelegt.

In der inneren Mitte sind berühren sich Yin und Yang in Harmonie.

In der inneren Mitte sind berühren sich Yin und Yang in Harmonie.

Kehren wir zu unserer inneren Mitte zurück, werden wir ruhig, denn alle Polaritäten in uns ergänzen sich zu einem harmonischen Gleichgewicht.“

Kein Tag ohne Nacht und kein heiß ohne kalt. Diese Gesetzmäßigkeit der Natur, ja, des Universums gilt auch für uns und unsere Emotionen. Neulich habe ich gelesen, dass der Mensch quasi ein kleiner Kosmos für sich sei, denn in ihm würden sich die Gesetzmäßigkeiten des Universums widerspiegeln. Mir gefällt dieses Bild oder vielmehr diese Anschauung. Sobald ich also von Emotionen – wie jetzt gerade – der Angst geplagt werde, gibt es dort auch das Vertrauen, nur herrscht gerade Ungleichgewicht. Die eine Kraft, die Angst, hat zugenommen und daher ist das Vertrauen, das Zutrauen, in entsprechendem Maße gesunken. In meiner Mitte finde ich wieder zur Harmonie.

Nur wenn das Yin und das Yang in Harmonie sind, kann ein Mensch die Eigenschaften der Ausgeglichenheit und Geradheit haben und ein Weiser werden. Bei einem Weisen ist das Wasser klar und sauber, und die Perle schimmert in all ihrer Lieblichkeit.“
Zhu Xi, 1130 – 1200,
konfuzianischer Lehrer

Laberrababer…und wie klappt das nun mit der inneren Mitte? :-)

Okay, seitdem wir auf den Hund gekommen sind, ist mir meine Yogamatte sozusagen abhanden gekommen. Einfach keine Zeit mehr dafür. Dafür gehen ich jetzt Gassi und Gassi und immer wieder Gassi. Trotzdem habe ich dies Übung der Bauchatmung noch immer gut in Erinnerung.

Der Schlüssel nämlich, um zu euerer inneren Mitte zu gelangen, ist euer Atem.“

Nicht einfach nur ein- und ausatmen, sondern tiefe Bauchatmung. Im Grunde atmen wir viel zu oberflächlich. Bei der tiefen Bauchatmung dagegen atmet Ihr bis in euer Nabelzentrum. Das ist auch in etwa die Mitte Eures Körpers. Der Bauchnabel ist das Zentrum der Lebensenergie, über den Nabel wurdet ihr als Embryo genährt. Ich probiere es jetzt auf jeden Fall aus. Dabei setze ich mich entspannt hin und lege meine Hände auf den Bauch, denn so spüre ich, ob ich auch wirklich tief genug atme. Beim Einatmen wölbt sich mein Bauch und beim Ausatmen zieht sich meine Bauchdecke wieder leicht nach innen. Ich atme quasi nicht mehr von oben nach unten sondern vor und zurück. (Bei der aktivierenden Atmung bleiben wir im oberen Brustbereich und der Atem fließt von oben nach unten.)Bei der tiefen Bauchatmung spüre ich, wie ich körperlich gelöster und ruhiger werde. Vor allem jedoch bin ich mit meiner gesamten Aufmerksamkeit bei meinem Atem, tauche so in den Moment und trete aus dem Gedankenkarussell heraus.

Über tiefe Bauchatmung finden wir zurück zu unserer inneren Mitte.

Über tiefe Bauchatmung finden wir zurück zu unserer inneren Mitte.

Was ebenfalls eine gute Übung zur Zentrierung ist: Sich aufrecht hinstellen, die Beine fest mit dem Boden verwurzeln, die Hände wieder auf den Bauch legen, tiefe Bauchatmung und sich in Gedanken vorstellen, dass ihr euch hierbei mit der Kraft der Erde verbindet. Probiert einfach mal aus, was für euch besser ist.

Schildkröten können dir mehr über den Weg erzählen als Hasen.“
Konfuzius, 551 – 479 v. Chr.,
chinesischer Philosoph

Dieses Zitat des fernöstlichen Lehrmeisters liebe ich, denn auch diese Woche musste ich wieder einmal schmerzlich feststellen, dass mein achtsamer Weg im Schneckentempo vorangeht. Macht aber nichts. Atmen ist jetzt angesagt. Atmen, atmen, atmen. Und damit krieche ich geduldig zum Rednerpult und zu meiner inneren Mitte – wird schon schiefgehen ansonsten verstecke ich mich unter meinem Panzer. :-)

 

dtmg

  • Wenn Ängste und Stress an mir zerren, übe ich mich in tiefer Bauchatmung.
  • Täglich beobachte ich meinen Atem: Wie tief atme ich eigentlich?
  • Ungute Gedanken begrüße ich als wichtige Hinweise auf ein inneres Bedürfnis, dem ich nicht genug Beachtung schenke.

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