Achtsames Schauen kann schon weh tun

Okay, gleich vorweg: Ich hatte so meine Vorurteile. Ausmalbilder für Erwachsene, muss das jetzt sein? Noch zu frisch die Erinnerung an die vielen Malbücher meiner Tochter, bei denen ich colorierte Prinzessinnen in allen Varianten bewundern musste. In meinem Yogastudio wurde um die Weihnachtszeit „Mandala malen“ angeboten, da habe ich mich unauffällig weggeschlichen. Früher als Kind malte ich oft mit einem schwarzen Filzer wilde Kreise und Schlangenlinien, um die Zwischenräume anschließend bunt auszumalen. Das konnte ich stundenlang machen. Die Erinnerung daran ist schön. Also gut, dachte ich, und habe mich drauf eingelassen: Kunst zum Ausmalen für Erwachsene. In Sachen Achtsamkeit steht das hoch im Kurs, also mal gucken, was es so bringt.

Was ich mir dabei erhoffte war das Erleben eines Flow-Zustandes:
Eintauchen in eine Tätigkeit und dabei komplett Abtauchen in das Tun.

Der Diplom-Physiker Helmut Rennschuh schreibt zum Thema Flow in seinem Buch „Innehalten“:

Oft kommt es zu einer Verschmelzung mit dem Augenblick, die das Zeitgefühl beeinflusst, sodass der Handelnde das Gefühl haben kann, die Zeit laufe schneller ab oder, im Gegenteil, verlangsame sich.“

Nee, so war das bei mir nicht. In meinem Kunstmalbuch hatte ich mich für das Bild „Tänzerinnen in Grün“ von Edgar Degas entschieden. Meine Tochter wollte auch mitmachen und wählte die „Frauen im Garten“ von Claude Monet. Unsere Ausmalvorlagen waren in viele kleine Flächen unterteilt, denn bei so hoher Kunst geht es um feinste Farbabstufungen, um die Schattierungen hinzubekommen. Originalabbildungen im Block zeigen, wie das Kunstwerk am Ende aussehen solle. Das wollte ich aber nicht und habe meine Farben frei nach Lust und Laune gewählt.

Der Flow-Zustand stellt sich meist überraschend ein. Er lässt sich nicht auf direktem Wege durch ein bestimmtes Tun erreichen, doch gewisse Bedingungen, die Sportler oder Musiker herstellen können, fördern sein Auftreten.“

(Helmut Rennschuh, aus „Innehalten“)

Tatsächlich hatte ich mir im Geheimen einen solchen Flow-Zustand erhofft. Der ist nicht eingetreten. Doch was ich beim Malen erlebt habe, wow, das war schon beachtlich! Zum einen habe ich durch diese Tätigkeit die ganze Zeit über extrem achtsam wahrgenommen. Ich war konzentriert bei der Sache, habe mich komplett auf die Materialien (Farbstifte, Papier) und Gegebenheiten (begrenzte Farbflächen) eingelassen und alles, wirklich alles, was dabei an Gedanken und Gefühlen hochkam, habe ich offen angenommen und angeschaut. Und das war total interessant, denn plötzlich entdeckte ich typische Konditionierungen und Gedankenmuster, die ich im Alltag gar nicht bewusst wahrnehme, die mein Handeln aber wesentlich beeinflussen.

Folgendes habe ich während des Malprozesses wahrgenommen:

  1. Mir fällt es extrem schwer, scheinbar Sinnloses zu tun. Leider bin ich komplett auf Pflichterfüllung und Aufgabenerledigung programmiert. (Statt zu malen, könnte ich die Wäsche bügeln, den Geschirrspüler ausräumen, an einem Text arbeiten……grrrrr.)
  2. Innerlich bin ich ruhelos: Das akribische Ausmalen kleinster Farbfelder ist eine harte Nuss für mich.
  3. Was auch immer ich tue, meine Meßlatte habe ich stets mit im Gepäck. Meine freie Farbwahl überfordert mich und viel zu oft male ich über die Ränder hinaus.
  4. Das „Eintauchen“ in die Farben und die Kritzelgeräusche der Buntstifte auf dem Papier verbinden mich irgendwie mit meinem Körper. Ich habe ein extrem entspanntes und positives Körpergefühl.
  5. Je länger ich male, desto ruhiger werde ich und desto freier von Gedanken fühle ich mich im Kopf. Ich male und alles ist gut. Ein schöne Gefühl.

Vielleicht liege ich ja falsch, aber für mich hatte diese „Malstunde“ geradezu etwas Therapeutisches. Komisch, aber ich erzählte sogar später Freunden davon, weil ich ganz begeistert war, was ich alles lediglich über die achtsame Wahrnehmung beim Malen über mich erfahren konnte. Klar, im Grunde Dinge, die ich weiß, aber mal ehrlich, meistens verdrängen wir solche Kenntnisse über uns selbst. Es tat gut, diese Sachen wieder einmal sozusagen Schwarz auf Weiß vor Augen geführt zu bekommen. Und es wirkt nach, denn es gibt mir auch weiterhin zu denken. Bei Täglichem halte ich jetzt inne und erkenne bewusst einiger meiner typischen Muster.

Loslassen heißt zulassen. Es bedeutet, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind.“
(Jon Kabat-Zinn, aus „Gesund durch Meditation“)

Dieses Zitat hatte ich neulich für ein Vorwort verwendet. Und es fiel mir sofort wieder ein, nachdem ich mit dem Malen fertig war. Sich einlassen ist eine Art loslassen. Im Alltag geht es genau darum so oft, doch wann sind wir wirklich bereit, uns einzulassen?

Ich kann euch heute eigentlich nur den einen Rat mit auf den Weg geben: Probiert es selber aus und nehmt euch Zeit für ein Ausmalbuch. Ja, ja, ich weiß, all die Einwände, von wegen, was soll das denn, so ein Kinderkrams, ist doch lächerlich!

Eben nicht! Genau das ist es nicht. Es ist höchstinteressant und gibt euch tiefe Einsichten in euch selbst. Eine wirklich spannende Stunde des „In-sich-Hineinschauen“.

Ach so, fast hätte ich es vergessen: Ich hatte die „Malerei“ ja gemeinsam mit meiner Tochter gemacht. Und was wirklich ungewöhnlich war: Wir hatten weder zusammen gesprochen, gealbert noch über irgendwelchen Blödsinn gekichert. Jeder war ganz für sich vertieft am Malen. Das fällt mir jetzt erst auf, wo ich darüber schreibe. Waren wir dann vielleicht doch in eine Art Flow-Zustand? Die Zeit ging jedenfalls schnell vorbei.

 

dtmg

  • Zukünftig werde ich mich öfter auf scheinbar „Sinnloses“ einlassen, um aus dem Funktions-Modus heraus zu kommen.
  • Das Ausmalen des Kunstmalbuches hat noch viele Seiten frei, da werde ich weiter machen.
  • Alles, was ich beim Ausmalen über mich erfahre, werde ich verinnerlichen und achtsam schauen, was mir davon im Alltag begegnet.

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