Alle Kanäle auf Empfang

Da wir uns ja jetzt schon eine Weile kennen, müsste euch aufgefallen sein, dass ich nicht unbedingt der klassische Achtsamkeitstyp bin. Ich kruschtle mich mehr oder weniger achtsam durch meinen Alltag und versuche, mein Bestes dabei zu geben. Doch ich gestehe, manchmal fehlt mir einfach die Zeit für zum Beispiel eine Gehmeditation. Das ist schade und ich arbeite dran, versprochen. Aber Mittwoch hatte ich ein Experiment gemacht, was super Spaß brachte. Nachdem ich meine Tochter beim Ballett abgesetzt hatte, war ich im Park spazieren gegangen, da es sich nie lohnt, für diese eine Stunde nachhause zu fahren. Dabei hatte ich meine Sinne herausgefordert: Zuerst bewusst auf alle Geräusche geachtet: das Rascheln des Laubs unter den Füßen, in den Ästen und um mich herum die Stimmen der anderen Spaziergänger. Dann nur gerochen: den herben Duft der Bäume, die Feuchtigkeit. Danach alles genau angesehen und anschließend getastet: Blätter, Borke, Gras, Vogelbeeren. Das Schmecken habe ich lieber ausgelassen.

Mit einer sinnlichen Wahrnehmung schaffen wir eine Verbindung zu unseren Gefühlen und zu unserem Körper.

Nach diesem Spaziergang der Sinne hatte ich mich irgendwie erfüllter gefühlt. Ja, ich könnte auch sagen ganzheitlicher. Das mag für euch vielleicht kitschig klingen, egal. Natürlich eröffnen uns die Sinne auch einen Zugang zu unseren Erinnerungen. Gerüche rufen beispielsweise sehr schnell Bilder hervor. Mich erinnerte der moosige Geruch des Grases an den großen Laubhafen im Garten meines Elternhauses. Alleine über das Riechen bekam ich somit eine Verbindung zu meinem inneren Kind. Das war schön. In diesem Moment war ich mehr ich selbst als sonst im Alltag. Das kann natürlich auch mal weniger schön sein, vielmehr traurig oder schmerzhaft. Aber bereichernd ist es allemal, denn es verbindet uns mit uns selbst. Und dann stimmt es auch: Ich höre etwas, wie den Wind in den Bäumen, doch mein Herz hört noch unendlich viel mehr.

Je geübter und sensibler wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, desto besser erkennen wir, was wirklich ist.

Je feinfühliger ich durch die bewusste Förderung meiner Sinneswahrnehmung werde, desto klarer erkenne ich auch bei anderen, was sie wirklich umtreibt, was sie tatsächlich mit ihren Worten und Gesten sagen wollen.

Im NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) spricht man von drei Filtern, die unsere Wahrnehmung einschränken:

  1. der soziale Filter
    Damit sind unsere kulturelle Umgebung, unser sozialer Kreis und auch unsere Sprache gemeint. Denn während wir beispielsweise vielleicht zehn Wörter für Schnee kennen, gibt es bei den Ureinwohnern in der Arktis etwa siebzig (!) verschiedene Schneesorten.

  2. der neurologische Filter
    Segen oder Fluch, keine Ahnung, aber bestimmte physikalische Phänomene können unsere Sinne einfach nicht mehr erfassen, wie z.B. bestimmte Wellenlängen des Lichts oder auch Schallschwingungen, weshalb wir beispielsweise bestimmte Hundepfeifen nicht hören können.

  3. der individuelle Filter
    Ja, und hier wird es interessant!

Der individuelle Filter ist quasi die Brille, durch die wir die Welt sehen. Und die Gläser dieser Brille sind je nach unseren Erfahrungen und unserer Lebensgeschichte entsprechend getönt. Nun müssen wir jedoch nicht wie Heino ein Leben lang mit einer dunklen Brille durch die Welt laufen, keine Panik.

Der individuelle Filter ist derjenige von den dreien, auf den wir am meisten Einfluss haben.

Genau, und jetzt kriege ich auch wieder den Schwenker zu unseren fünf Sinnen, falls ihr bereits ungeduldig denken solltet, ich hätte mich verlaufen. Nein, nein, nur Geduld. Also … je achtsamer ihr eure Aufmerksamkeit auf eure Sinne richtet, desto bewusster werdet ihr euch eures individuellen Filters und desto freier könnt ihr ihn gestalten.

Wahrnehmen mit allen Sinnen heißt immer auch sich auf sich selbst besinnen.

Die achtsame Wahrnehmung der Sinne verbindet uns unweigerlich mit Gefühlen und Erinnerungen. Schließlich haben wir unsere Erfahrungen auch über die Sinne angesammelt. So gut wie alles, was in unserem Unterbewusstsein gespeichert ist, gelangte irgendwann über unsere Sinne dorthin. Lachen, Weinen, Musik, Bewegungen, Berührungen, Gerüche und vieles mehr – die Bilder unseres Erlebten haben sich über die Sinne in uns eingeprägt. Daher finde ich es auch recht einleuchtend, dass wir uns wieder mehr mit der bewussten Wahrnehmung unserer Sinne beschäftigen müssen, wenn wir zufriedener mit uns selbst und dem Leben sein möchten.

Um unser eigenes Innerstes zu entdecken, sind es unsere Sinne, die uns im achtsamen Erleben die Tür dorthin öffnen.

Ich räume jedoch gerne ein, dass es oft nicht so einfach ist, sich auf seine Sinne zu besinnen. Zum Beispiel wenn man – wie ich – einen Teenager im Hause hat, der offensichtlich gerade von Sinnen ist. Dröhnende Bässe begleiten mich jetzt schon seitdem ich mich zum Schreiben hingesetzt habe. Ganz zu schweigen von dem Gekicher aus dem Zimmer meiner Tochter, die dort mit zwei Freundinnen spielt. Eben real life. Obwohl … ich höre jetzt mal mit dem Schreiben auf, richte meinen Hörsinn bewusst auf die Geräuschkulisse und beobachte, was ich dabei fühle. Ganz im Sinne der klassischen Achtsamkeit. Denn beispielsweise empfiehlt es sich, bewusst akustisch anstrengende Situationen aufzusuchen, achtsam zu hören und zu spüren, was dieser Lärmpegel im Inneren auslöst – um seine Resistenz zu trainieren. Also dann …

 

dtmg

  • Mehrmals am Tag versuche ich bewusst meine Sinne wahrzunehmen: Was rieche ich, was höre ich, was sehe ich, was schmecke ich und wie fühlt sich das, was ich gerade in der Hand halte, an.
  • Bewusst achte ich auf die Dauerberieselung im Alltag, sei es durch Radio, Fernsehen oder Straßenlärm. Wie fühlt sich das an? Was macht das körperlich mit mir?
  • So oft es geht, versuche ich bei einem Spaziergang in der Natur über die bewusste Wahrnehmung meiner fünf Sinne in Verbindung mit mir selbst zu gehen.

Noch Fragen?

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