In Punkto Gelassenheit sind meine Kinder weiter als ich: Wieder einmal haben wir stapelweise Bücher aus der Bücherhalle nachhause geschleppt und was passiert damit? Die liegen unangetastet im Regal. Mein Sohn liest immerhin die LTBs (Lustige Taschenbücher) in selbstzufriedener Gelassenheit. Meine Tochter jedoch genießt lediglich das Stöbern in der Bibliothek, danach verblasst ihre Leselust in unbekümmerter Gelassenheit. Dieses Szenario spielt sich bei uns seit Jahren ab. Mich ärgert es. Wie soll ich die Kinder sonst noch zum Lesen guter Literatur animieren? Akzeptieren: Es ist, wie es ist, und loslassen. Und das paradoxerweise am besten mit einem Buch :-)

Für mehr Gelassenheit benötigen wir einen Rückzugsort für unsere Seele.

Für mehr Gelassenheit benötigen wir einen Rückzugsort für unsere Seele.

Gelassenheit durch Tagträumerei

Ein Buch ist nämlich nicht nur für die Bildung gut, es kann uns auch zu mehr Gelassenheit bringen. Ein Buch verleitet uns dazu, in einen Tagtraumzustand zu geraten. Wir schlüpfen in die Person des Protagonisten, fantasieren seine Geschichte weiter, halten kurz inne und träumen uns davon. Dieser Zustand des Tagträumens erlaubt unserem Kopf eine Pause. Unser Geist darf sich ausruhen und wir spüren innere Gelassenheit. Wir sind ganz bei uns, der Rest im Außen ist für eine Weile ausgeblendet.

Beim Lesen von Nachrichten oder sachlichen Artikeln erhält man alles vorgekaut und erlebt den Tagtraumzustand deshalb nicht. Das Gehirn erholt sich bei Zeitungslektüre oder Internetnachrichten also nicht.“
Daniel J. Levitin, Interview mit flow-Magazin

Gelassenheit stärkt unsere Entscheidungsfähigkeit

Der amerikanische Neurowissenschaftler Levin empfiehlt die Tagträumerei nicht nur zur Erhöhung der Konzentrationsfähigkeit und Kreativität sondern betont auch, dass wir damit unsere Gelassenheit stärken. Im Rahmen eines Experiments mussten die Teilnehmer erst eine Reihe banaler Fragen beantworten, zum Beispiel ob sie ein Kaugummi haben wollten, in welcher Geschmacksrichtung etc. Danach ging es an die schwierigen Fragen in Bezug auf Lebensentscheidungen. Die Probanten, die zuerst die unwichtigen Fragen beantworten mussten, hatten später bei den tiefer greifenden Fragen erheblich mehr zu kämpfen als diejenigen Teilnehmer, denen der erste Fragenteil erspart blieb. Offensichtlich gibt es also ein Limit für die Zahl der Entscheidungen, die wir nacheinander treffen können. Und ist dieses Limit erreicht, straucheln wir mit uns und geraten ratz fatz aus unser Gelassenheit. Als Mütter oder Väter wisst ihr selbst, wie viele banale Entscheidungen wir bereits am Morgen zu treffen haben („Vergiss deinen Fahrradhelm nicht.“ „Denk an den Haustürschlüssel.“ „Nein, zum Frühstück kein Nutella.“). Kein Wunder, dass unsere Gelassenheit bereits um neun Uhr morgens mächtig strapaziert wurde. So starten wir dann in unseren Tag.

Die inneren Welten der Tagträume und Fantasien sind zugleich unser wichtigster Rückzugsort, um zu uns zu kommen, uns zu erholen und den Anforderungen der Außenwelt wieder gewachsen zu sein.“
Heiko Ernst, Psychologe,
aus: „Innenwelten – Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen

Multitasking ist Gift für unsere Gelassenheit

Vielleicht sollte ich den Tag mit Tagträumen beginnen? Auf jeden Fall mache ich etwas falsch, denn meistens nutze ich jede freie Minute, um schnell Mails zu checken, die Wäsche aufzuhängen, herumliegenden Krams wegzuräumen und nebenbei bei meinen Eltern anzurufen: „Alles okay bei euch?“ Kein Wunder, dass nachmittags, wenn meine Lesebanausen mit ihren Freunden bei uns Alram machen, von meiner Gelassenheit nichts mehr übrig ist. Interessant übrigens, dass es laut Daniel J. Levitin Multitasking gar nicht gibt. Im Grunde schalten wir nämlich nur rasend schnell von einer Aufgabe zur nächsten. Dieses neuronale Hin- und Herschalten verbraucht jede Menge Sauerstoff und Glukose. Am Ende sind die Reserven aufgebraucht, ich nervlich erschöpft und Gelassenheit lediglich ein Wunschgedanke.

Gelassenheit lässt uns die typischen „Trigger“ des Alltags erkennen und ermöglicht Distanz dazu, bevor wir reagieren.

Gelassenheit lässt uns die typischen „Trigger“ des Alltags erkennen und ermöglicht Distanz dazu, bevor wir reagieren.

Gelassenheit wiegt liebevoll unsere Seele

Wie oft erlaubt ihr euch Tagträume im Alltag? Der Psychologe Heiko Ernst bezeichnet Tagträume als weit offen stehende Fenster zu unserer Psyche. Warum verschließen wir diese dann so oft, indem wir uns innerlich derartige „Zeitverschwendungen“ verbieten? Dabei sind solche Alltagspausen doch das A und O für unsere Gelassenheit.

Tagträume stellen außerdem eine äußerst wirksame Form des Gefühlsmanagements dar. Weil sie uns innerlich berühren, trösten oder erfreuen können, wenn die Außenwelt uns ärgert, kränkt oder langweilt, sorgen sie für eine emotionale Balance – und ersparen uns das oftmals riskante Ausagieren von Gefühlen und Impulsen in der Realität.“
Heiko Ernst,
aus: „Innenwelten – Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen“

Gelassenheit stärkt unser Selbstbewusstsein

Mithilfe von Tagträumen können wir uns für einen Moment von der Außenwelt distanzieren. Unsere Fantasie bietet uns einen Rückzugsort, an dem wir von der Realität pausieren. Tagträumereien sind etwas Schönes, eine Art Bonbon für die Seele. Ein Genuss, der uns psychisch stabilisiert und unsere Gelassenheit nährt. Wir gewinnen Abstand und Zeit, bevor wir uns wieder in das Geschehen stürzen. Nach Heiko Ernst passiert etwas Geniales während eines Tagtraumes:  Wir würden dabei unser Selbstbild immer etwas positiver darstellen, sozusagen mit Foto-Shop bearbeiten. In unseren Tagträumen sind wir mutiger, selbstbewusster und besitzen mehr Gelassenheit. Je öfter wir tagträumen, desto mehr verinnerlichen wir dieses leicht retuschierte Selbstbild.

So festigen wir das Selbstbild, das wir unserer Umwelt präsentieren und an das wir selbst glauben wollen – und auch müssen: Alltagsbewältigung und Hoffnung auf erreichbare Ziele sind nur möglich auf der Basis „positiver Illusionen“, eines etwas zu positiven Selbstbildes.“
Heiko Ernst,
aus: „Innenwelten – Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen“

In der Gelassenheit erkennen wir unsere Bedürfnisse

Für mich steht jetzt auf jeden Fall fest: Tagträumen ist angesagt. Im Grunde ist Sohnemann mit seinen Donald Duck-Taschenbüchern auf dem richtigen Weg. Na gut, meine Tochter träumt sich immerhin während des Aufenthalts in der  Bücherhalle in ihre Fantasien. Außerdem spielt sie noch gerne mit Puppen, das zählt auch zur Rubrik „Tagträume“. Und ihr? Schreibt mir doch mal, wie ihr zu mehr Gelassenheit kommt. Zählt Tagträumen mit einem Buch auch dazu? Bei mir eindeutig ja. Vielleicht sollte ich mich bei unserem nächsten Besuch in der Bücherhalle in eine Leseecke verkrümeln und selber stöbern. Anschließend begegne ich dem Leseverhalten meiner Kinder mit zufriedener Gelassenheit und freue mich, dass ich meinem Bedürfnis nachgekommen bin und noch zwei oder drei Schmöker für mich herausgesprungen sind.

 

dtmg

  • Statt Multitasking Gelassenheit! Immer schön eins nach dem anderen.
  • Erwische ich mich beim Tagträumen, freue ich mich, statt mich über den Zeitverlust zu grämen. Ein richtiger Schritt Richtung Gelassenheit.
  • Ich werde mir einen Post-it „ Gelassenheit“ an meinen Computerbildschirm kleben. Und darunter einen dicken Smiley – denn Gelassenheit habe ich mehr als nötig.

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