Oh je, dieses Mal wird es ein sehr persönlicher Text und ich hoffe, ihr seht es mir nach. Lange habe ich überlegt, ob ich davon schreibe, doch irgendwie fühlt es sich richtig an. Wie ihr wisst war meine Mutter sehr lange sehr krank. Nun hat sie endlich ihre Ruhe gefunden und wir trauern. Loslassen, selbst dann, wenn man genau weiß, dass es für den anderen eine Erlösung ist, fällt schwer.

 

In der Trauer müssen wir loslassen und uns verabschieden. Mit dem Blick der Dankbarkeit schwindet die Angst vor dem diesem Prozess.

In der Trauer müssen wir loslassen und uns verabschieden. Mit dem Blick der Dankbarkeit schwindet die Angst vor diesem Prozess.

 

Loslassen ist etwas, was wir akzeptieren müssen

Mein Vater und ich, wir saßen zusammen und wachten bei meiner Mutter, die noch nicht ganz weg aber auch nicht mehr ganz da war. Da sagte er zu mir, dass alles, was meine Mutter so sehr liebte – ihr Zuhause mit den über Jahrzehnte angesammelten Gegenständen, ihre Kleider, davon so viele für „gut“ aufgespart – dass sie alles, was sie so sehr liebte nun zurücklassen muss. Und als man sie später leblos aus ihrem Bett auf eine Trage legte, bedeckte und hinaus trug, da wurde mir das Gesagte meines Vaters erst richtig bewusst.

Wir gehen so wie wir kommen.

„Wer existenziell um diese Augenblicklichkeit weiß, der weiß, dass er loslassen muss, dass er aber auch das augenblickliche Glück bewusst wahrnehmen kann. Wir können den schönen Augenblick weder konservieren noch auf später verschieben.“

Katharina Ceming / Christa Spannbauer,
aus: „Denken macht glücklich – Wie gutes leben gelingt“,

 

Loslassen braucht oft ein wenig Zeit

Vieles von dem, was ich mit meiner Muter noch in den letzten Wochen teilen durfte – die Nähe, die vielen Gesten der Liebe und das Verstehen im Austausch von Blicken, in unserem gemeinsamen Lachen – all das ist jetzt noch präsent in mir. Doch ich weiß, irgendwann wird auch das mehr und mehr verblassen. Noch macht es mir Angst, hier loszulassen, denn es fällt mir schwer, zu verstehen, dass es meine Mutter so nicht mehr gibt in meinem Leben. Und damit einhergehend habe ich auch Angst, diese Erinnerungen, dieses jetzt noch präsente Gefühl von einem „Uns“ zu verlieren. Bewusstes Loslassen tut weh, denn ich habe Angst vor dem Verlust. Auch wenn ich weiß, dass das Wesentliche in meinem Herzen bleiben wird.

Loslassen in Dankbarkeit

Vielleicht ist Dankbarkeit der Schlüssel dafür, das Loslassen zu erleichtern. Meine Jugend und Adoleszenz reflektierend weiß ich, dass ich oft das Gefühl hatte, meine Mutter war nicht für mich da. Ich hätte sie so sehr gebraucht. Sie war dazu jedoch nicht in der Lage. Während ihrer fast zwei Jahre dauernden Krankheit habe ich versucht, mich so oft es geht, um sie zu kümmern, sie aufzuheitern, sie zu stützen und einfach für sie da zu sein. Ich habe ihre Nähe gesucht. Vielleicht habe ich auch nur versucht, ihr Fehlen aus damaliger Zeit zu kompensieren, indem ich für sie da war, so wie ich es mir von ihr gewünscht hätte. Mir gab das ein gutes Gefühl. Was für Gedanken! Doch irgendwie spüre ich eine große Dankbarkeit für die Möglichkeit, dass wir zwei uns wieder so nahe kamen. Ich bin dankbar dafür, das Gefühl zu haben, dass wir durch diese schreckliche Krankheit endlich im Reinen miteinander waren. Diese Dankbarkeit erleichtert mir das Loslassen.

„Jede Trauererfahrung ist so einzigartig wie die Beziehung derjenigen, die durch den Tod voneinander getrennt wurden.“

Nathalie Knapp,
aus: „Der unendliche Augenblick“

 

Loslassen und im Herzen bunkern

Während der Tage des Wachens und auch des Wartens hat mein Vater viele Geschichten von früher erzählt. Geschichten, die ich schon so oft gehört habe. Und trotzdem war es schön, sie wieder zu hören. Mit diesen Geschichten wird beim Erzählen jedes Mal etwas im Herzen lebendig. Etwas, was zu uns gehört, was uns verbindet und was uns ein Leben lang ausmacht. Ich bin mir sicher, auch wenn wir jetzt meine Muter loslassen, wir bleiben über dieses Eigene, was an Verbindung in unserer und auch in vielen anderen Familien besteht, weiterhin miteinander verbunden. Irgendwann werde ich in einer Situation einen dazu typischen Gesichtsausdruck meiner Mutter vor Augen haben und innerlich lächeln. Ihr einen Gedanken der Liebe dahin schicken, wo sie jetzt weilt und diesen kurzen Moment der Nähe dankbar genießen.

 

Licht und Schatten

Ich glaube, dass, wenn der Tod
unsere Augen schließt,
wir in einem Lichte stehn,
von welchem unser
Sonnenlicht
Nur ein Schatten ist.

Arthur Schopenhauer

 

 

dtmg

  • Ich nehme mir Zeit, um meine Trauer zuzulassen und auch diese Gefühle mit Dankbarkeit anzunehmen.
  • Statt im Selbstmitleid zu baden praktiziere ich Selbstmitgefühl, indem ich mich selbst in den Armen wiege, diesem Gefühl des Trostes nachspüre und danach den Blick nach vorne richte.
  • In den Zeiten der Trauer muss ich vor allem eines nicht: funktionieren. Daher schraube ich bewusst meinen Anspruch der Perfektion ganz weit runter.


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