Unser Herz kennt keine Zweifel

In ein paar Wochen beginnen die Sommerferien. Diese Zeit ist immer von quirliger Energie geprägt. Zeit der Sportfeste. Seit Montag fliegen im Wimbledon Stadium wieder die Tennisbälle übers Grün und morgen startet die Tour de France in Utrecht. Auch bei uns zuhause regt sich der Sportsgeist: Erst war es der Zehntelmarathon, jetzt steht der Schülertriathlon vor der Tür. Und während meine elfjährige Tochter eifrig trainiert, hängt mein dreizehnjähriger Sohn mit seinen Kumpels ab – null Bock zum Training. Und trotzdem hat der junge Mann nicht die geringsten Zweifel, dass er den Wettkampf erfolgreich bestreiten wird.

Er vertraut einfach. Das wird schon klappen, da ist er sicher.

Beneidenswert. Ich würde zweifeln. Ich zweifle ohnehin oft. Solltet ihr zu jenen glücklichen Menschen zählen, die frei von Zweifeln durchs Leben schlendern – herzlichen Glückwunsch.

Der indische Philosoph Osho meint, Zweifel würden aus einer Unsicherheit bezüglich der eigenen Intelligenz entstehen. Als ich das las, war ich zuerst echauffiert. Ich empfinde mich nämlich durchaus als intelligente Frau, jedenfalls durchschnittliches Intelligenzniveau. Oshos provokante Reden sollen uns wach kitzeln aus dem Dämmerschlaf der klagenden Bequemlichkeit:

Vertrauen erfordert große Intelligenz, Mut und Integrität. Um zu vertrauen, braucht man ein großes Herz. Wenn du nicht genügend Intelligenz besitzt, dann schützt du dich mit Hilfe von Zweifeln.“
Aus: Mut – Lebe wild und gefährlich

Vertraut ihr der Stimme eures Herzens? Seid ihr intelligent genug, dieser Stimme zu lauschen und ihr genügend Gehör zu verschaffen, um ihr mutig zu folgen?

Ich leider nicht. Meistens bin ich für die Stimme meines Herzens taub. Scheinbar ist derart viel Gebrabbel in meinem Inneren los, da mache ich lieber komplett dicht. Nicht einmal die wispernden Zungen höre ich, die mich viel zu oft kritisieren, für die ich es immer einen Tick besser machen könnte. Jedenfalls höre ich sie nicht mehr bewusst. Ich habe mich mit diesen nörgelnden Gedankenflüsterern derart identifiziert, dass ich sie nicht mehr als das wahrnehme, was sie in Wirklichkeit sind: wilde Konstrukte meiner Fantasie. Ich akzeptiere sie einwandslos und identifiziere mich mit ihnen.

KW27-2015

Wenn ihr zweifelt, sind eure Gedanken nichts anderes als Gebilde eurer Fantasie.

Schlimm finde ich, dass ich den Schmerz, den ich mir mit dieser ständigen Selbstkritik zufüge, nicht mehr spüre. Stattdessen suche ich nach „vernünftigen“ Erklärungen.

Ich zweifle zum Beispiel, ob ich die Anfrage, einen Vortrag zu halten, annehmen soll oder nicht. Ich zweifle, ob mein Vorhaben, mit meinen knapp achtzigjährigen Eltern im August eine Toscana-Tour zu machen, eine gute oder schlechte Idee sei. Und ich zweifle, ob meine kleinen Texte hier tatsächlich etwas bewegen. Mal ehrlich: Wie oft ertappt ihr euch bei dem Satz beziehungsweise Gedanken: „Ich weiß ja nicht …“? Bei mir fängt das bereits morgens vor dem Kleiderschrank an.

Wenn wir uns unachtsam unseren selbstkritischen Stimmen hingeben und zweifeln, täuschen wir uns mit der Illusion, alles unter Kontrolle zu haben.

Und selbst dann, wenn etwas schief geht, finden wir Trost in dieser Scheinkontrolle: Denn hätten wir dieses oder jenes anders gemacht – das wussten wir ja ohnehin von Anfang an – dann wäre all das nicht passiert. Pustekuchen, was für ein Seifenblasendenken. Bitte einmal mit der Nadel piksen und aufwachen!

In dem Moment, wo ihr zweifelt, habt ihr Angst. Ich oute mich auch nicht gerne als Hasenfuß, ist aber so. In dem Moment des Zweifels fehlt das Vertrauen. Vertrauen zu uns selbst. Aus lauter Angst – ihr könnt es auch Unsicherheit nennen – suchen wir für alles Erklärungen. Ohne Erklärung können wir uns nicht einlassen, uns fehlt dann sozusagen der Boden unter den Füßen. Deswegen ist für Osho Intelligenz auch ein „Zustand des Nichtwissens“ (Was mich doch gleich wieder ein wenig mit meinem IQ versöhnt.):

Zweifel ist immer auf der Hut; Intelligenz ist immer offen, denn sie weiß: „Was auch immer geschieht, ich kann die Herausforderungen annehmen und entsprechend darauf reagieren.““

Genau nach diesem Prinzip scheint mein Sohn zu leben. Offenbar hat er jede Menge Vertrauen in sich selbst, denn seine Trainingsklamotten liegen noch immer unberührt im Flur. Gemäß dem Zustand des Nichtwissens, gehe ich jetzt mal zweifellos davon aus, dass die Jungs hinter verschlossener Tür bestimmt keine Hausaufgaben machen. Ich höre nur extrem laut den Song „My head is a jungle“ von der Band Wankelmut aus ihrem Zimmer tönen. Statt Wankelmut bräuchte ich öfter Wagemut, um in dem Dschungel meines Herzens der wahren Stimme zu lauschen. Denn erkenne ich diese Herzensstimme, zweifle ich nicht länger, ob euch meine Texte gefallen oder nicht, ich schreibe einfach, weil ich Freude daran habe und vertraue auf das Ergebnis.

Das nenne ich geistige Reife: Wenn jemand so weit gekommen ist, dass er dem Leben ohne irgendwelche Fragen gegenübertritt und einfach mutig und ohne Angst darin eintaucht.“

Darin schließe ich mich Osho an. Wenn die Radsportler sich morgen auf ihre Rennräder schwingen, müssen sie ebenso frei von Zweifel und Angst ihr Bestes geben. Da bleibt keine Zeit für Fragen. Was die Pedalen zum Drehen bringt, ist ihr Vertrauen in den machbaren Sieg.

dtmg

  • Sobald in meinem inneren Dialog Sätze mit „ich weiß ja nicht“ auftauchen, halte ich inne, lege die Hand auf mein Herz, atme tief ein und aus und spüre, was ich mir wirklich wünsche, was mein Herz möchte.
  • Ich lobe mich selbst für die kleinen Dinge, die ich am Tage leiste, um meine kritisierenden Stimmen mehr und mehr zum Schweigen zu bringen.
  • Ich spüre bewusst in Momente der Freude hinein: Wie fühlt sich Freude an? Wie wirkt Freude auf mein Körpergefühl? Diese Momente verankere ich innerlich und rufe sie in Phasen des Zweifels wieder hervor.

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